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Fr, 20. September 2019, 9:43 Uhr

Griechenland Damoklesschwert über den Finanzmärkten


30.06.11 12:29
Raiffeisen Bank International AG

Wien (aktiencheck.de AG) - Von nun an sollten die dramatischen Auswirkungen, die Griechenland auf das europaweite Wirtschaftsgeschehen hatte, abnehmen, prognostiziert Peter Brezinschek, Chefanalyst der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Obwohl überschattet von der Entwicklung der griechischen Schuldentragödie, hätten sowohl die Eurozone als auch die Emerging Markets in der ersten Jahreshälfte 2011 eine starke Wachstumsphase erlebt - lediglich die USA hätten enttäuscht. "Im Verlauf des zweiten Halbjahres erwarten wir einen spiegelverkehrten Effekt. Die Konjunktur- und Unternehmenszahlen sollten, nachdem das Drama um Griechenland in den Hintergrund rückt, wieder mehr Beachtung finden. Die Zuspitzung der griechischen Schuldenkrise hängt aber leider als ständiges Damoklesschwert über den Finanzmärkten", erkläre der Research-Experte.

Helge Rechberger, Leiter der Aktienmarktanalyse, erwarte, dass die Erleichterung über das Überleben Griechenlands gepaart mit den zu veröffentlichenden Quartalsergebnissen für das zweite Quartal, eine Unterstützung für riskantere Asset-Kategorien liefern sollte: "Da die Gewinnaussichten noch immer überdurchschnittlich und die Bewertungen günstig sind, sollten die ermäßigten Kurse Kaufanreiz sowohl bei Aktien als auch bei Unternehmensanleihen sein." Er gehe auch davon aus, dass sich im Verlauf des dritten Quartals ein Ende der langen Underperformance der Wachstumsmärkte abzeichnen könnte. Rechberger favorisiere Sektoren wie IT, Energie, defensiver Konsum, Grundstoffe, Industrie und Finanz.

Nach dem guten Start ins Jahr 2011 würden die Analysten von Raiffeisen Research für die Eurozone eine Abnahme der Dynamik in der zweiten Jahreshälfte erwarten. Im Gesamtjahr 2011 sollte sich für die Eurozone insgesamt aber ein Wachstum von 2 Prozent ausgehen. Wie schon im Vorjahr sei dieser Durchschnitt Ergebnis extremer BIP-Unterschiede. Einerseits habe die Kerneurozone mit Ländern wie Deutschland und Österreich den drastischen Wachstumseinbruch 2009 schon wieder wettgemacht: "Wir gehen für 2011 von einem Wachstum von 3,3 Prozent für Österreich und von sogar 3,6 Prozent für Deutschland aus", erkläre Brezinschek. "Andererseits verbleiben Portugal und Griechenland noch in tiefer Rezession, wobei Griechenland mit über 3 Prozent Schrumpfung des BIP den Tiefpunkt markiert."

In 2012 sollte es aber zu einer etwas homogeneren Konjunkturentwicklung kommen, wobei die Bewältigung der Staatsschuldenkrise und Strukturverbesserungen dafür mitverantwortlich sein würden. Allerdings könne insbesondere die Durchsetzung der hierfür notwendigen Maßnahmen auf Jahressicht immer wieder für Turbulenzen sorgen. "Vor allem im Frühjahr 2012, wenn Defizit- und Verschuldungszahlen sowie neue Budgetpläne veröffentlicht werden, könnte dieses Thema wieder ganz oben auf der Liste der Finanzmarktteilnehmer stehen", erwarte Brezinschek.

In den vergangenen Wochen habe sich die griechische Schuldenkrise weiter zugespitzt. Die schwer abschätzbaren Folgen eines Schuldenschnitts Griechenlands würden auch die konsequente Ablehnung einer unfreiwilligen Restrukturierung durch die EZB erklären und nach Ansicht der Analysten dafür sprechen, dass Griechenland mittelfristig weiter mit der finanziellen Unterstützung der Euro-Partner rechnen könne. "Voraussetzung dafür ist allerdings die Verabschiedung weiterer Reformgesetze und die Forcierung des Privatisierungsprogramms durch die griechische Regierung, womit aber bereits der Hauptrisikofaktor für unser Szenario identifiziert ist. Die Möglichkeit, dass die Auszahlung der EU/IWF-Hilfen aufgrund des mangelnden Reformwillens Griechenlands frühzeitig scheitert und das Land seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommt, stellt ein nicht vernachlässigbares Risiko dar", erkläre Brezinschek.

Mit der Finanzspritze von EU/IWF und dem neuen Augenmerk Griechenlands auf Struktur- und Wachstumsaspekte sollte im zweiten Halbjahr eine temporäre Entspannung der Lage eintreten. Langfristig erwarte der Experte eine Umschuldung der griechischen Staatsschuld. "Diese macht erst Sinn, wenn Griechenland einen Budgetüberschuss - ohne Zinszahlungen - erwirtschaftet", so der RBI-Chefvolkswirt.

"Wie schon in unseren letzten Prognosen erwartet, hat der kräftige Anstieg der Kraftstoffpreise zwischen März und Mai den Privaten Konsum in den USA im zweiten Quartal regelrecht abgewürgt", analysiere Brezinschek. Unter Annahme eines besseren Arbeitsmarkts würden die RBI-Analysten aber im zweiten Halbjahr wieder höheres BIP-Wachstum in den USA prognostizieren, wodurch sich für das Gesamtjahr 2011 ein Wachstum von 2,7 Prozent ausgehen sollte.

Die Inflationsrate im Euroraum habe sich im Mai mit 2,7 Prozent p.a. deutlich über der von der EZB angestrebten Marke von knapp unter 2 Prozent p.a befunden. Brezinschek rechne aber damit, dass das Inflationshoch noch bevorstehe und die Teuerungsrate im Juli über 3 Prozent p.a klettern könnte. "Allerdings ist dafür kein breiter Preisauftrieb quer über alle Güter und Dienstleistungen verantwortlich, vielmehr ist die erhöhte Teuerung durch steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise dominiert. Wir erwarten eine Entspannung bei den Inflationsraten in der zweiten Jahreshälfte", so Brezinschek.

Da die Teuerung ihre Spitze erst in den Sommermonaten erreichen dürfte, rechne Brezinschek schon im Juli mit einer nächsten EZB-Zinsanhebung auf 1,5 Prozent. Zielwert dieser ersten Anhebungsphase dürfte die 2 Prozent-Marke sein. In Bezug auf die US-Notenbank (FED) erwarte Brezinschek eine Verschiebung von Zinserhöhungen auf 2012, getrieben von Sorgen der FED in Bezug auf die Wachstumsschwäche der USA.

Die Vermeidung eines griechischen Schuldenkollapses und die unterschiedliche Haltung von EZB und US-FED in Bezug auf die Leitzinsen sollten auch dem Euro zugute kommen. "Niveaus für einen EUR/USD-Kurs von bis zu 1,50 sind kurzzeitig möglich", prognostiziere Brezinschek.

Die Entwicklung des Schweizer Franken zum Euro würden die Analysten jedoch etwas differenzierter sehen: So solle ein Absturz in Richtung 1,10 nach Stopfen der griechischen Finanzlöcher erspart bleiben, das Vorsichtsmotiv lasse im zweiten Halbjahr aber nur eine zögerliche Tendenz zwischen 1,20 und 1,25 für den EUR/CHF-Kurs erwarten.

Die Experten von Raiffeisen Research würden davon ausgehen, dass der Versuch einer Beruhigung der Schuldenkrise und die US-BIP-Aussichten den langfristigen Staatsanleihen beiderseits des Atlantiks ihre Funktion als "sicherer Hafen" nehmen könnten. "Daraus würden sich für das dritte Quartal leicht steigende Renditen ohne markante Verringerung der Renditeunterschiede innerhalb der Eurozone ergeben", so Brezinschek. Seine Empfehlung laute daher: "Wer nicht mit einem unmittelbaren Ausfall Griechenlands oder einem Abgleiten der US-Wirtschaft zumindest nahe an eine neue Rezession rechnet, sollte auf den aktuellen Kursniveaus vor allem längere Laufzeiten meiden. Weitere Leitzinsanhebungen der EZB dürften aber auch die kurzen Laufzeiten in Deutschland unter Druck bringen und für eine Abflachung der Renditekurve sorgen."

Die Aktienmärkte der Eurozone würden zurzeit ganz im Banne der griechischen Schuldenproblematik stehen. Rechberger gehe davon aus, dass in den kommenden Wochen noch viel davon abhängen werde, ob die griechische Regierung auch die nächsten Hürden meistere. Das Überstehen der Vertrauensabstimmung im griechischen Parlament sehe der Analyst nur als Etappenerfolg, der keinen Anlass für übermäßigen Optimismus geben solle. "Obwohl wir sowohl den Gewinntrend bei den Unternehmen als auch die Bewertungen als positiv einstufen, bleiben wir hinsichtlich der Entwicklung der Aktienmärkte der Eurozone in den kommenden Monaten vorsichtig", so Rechberger.

Der Experte empfehle ein "Halten" von US-Aktien: "Die Welt scheint im Moment voll von Stolpersteinen für ein Vorankommen der Aktienmärkte zu sein. Dennoch befinden sich viele der wichtigsten Aktien-Indices über ihren Niveaus vom Jahresanfang. Mit einem positiveren Nachrichtenfluss in Sachen Verschuldungsprobleme und einer Stabilisierung der Konjunktur-Vorlaufindikatoren sollte der Weg der Börsen langsam aber stetig wieder nach oben führen."

Auf Sicht von drei Monaten empfehle Rechberger einen Kauf von Unternehmensanleihen für die Bereiche Investmentgrade und High-Yield. Für die nächsten zwölf Monate sehe er ebenfalls beide Segmente in Bezug auf deren Spreadentwicklung positiv und gebe deshalb eine allgemeine Kaufempfehlung für Unternehmensanleihen. "Wir rechnen allerdings im Verlauf des ersten Halbjahres 2012 aufgrund der ungelösten Euro-Staatschuldenkrise wieder mit erhöhten Spreadrisiken. Der High-Yield-Index sollte unserer Meinung nach bis Jahresende den Investmentgrade-Index auf Total Return Basis überflügeln", erkläre Rechberger.

Obwohl die Problematik der Staatsschulden in den westlichen Industrienationen ein Risiko für Aktienkurse darstelle, würden die Analysten von Raiffeisen Research in ihrem Portfolio eine Umgewichtung der Aktien von minus 5 Prozent auf neutral durchführen. "Vor allem die günstigen Bewertungen und die positiven Ertragsaussichten der Konzerne räumen potenzielles Kurswachstum ein. Zudem dürften die gesunkenen Rohstoffkosten den Margendruck reduziert haben, wodurch die Berichtssaison für das zweite Quartal positiv ausfallen wird. Diese Faktoren sprechen auch in unsicheren Zeiten für ein Investment in Aktien", erkläre Brezinschek.

"Wenn die Griechenlandthematik etwas in den Hintergrund rückt, haben die an sich günstigen Konjunktur- und Unternehmensnachrichten wieder mehr Einfluss auf die Finanzmärkte, wovon Aktien und Unternehmensanleihen profitieren sollten." (30.06.2011/ac/a/m)