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Di, 20. August 2019, 5:35 Uhr

China: Turnaround?


11.04.19 15:20
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.aktiencheck.de) - Die chinesischen Stimmungsindikatoren für März haben zuletzt gedreht, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG ("RBI").

Sowohl der offizielle Einkaufsmanagerindex (erhoben vom Chinesischen Statistischen Amt) als auch jener des privaten Caixin Instituts hätten im März einen markanten Anstieg auf über 50 geschafft, letzterer habe den höchsten Stand seit acht Monaten erreicht. Laut der Subindikatoren dürfte dies zu einem geringen Teil auf die Außenwirtschaft zurückzuführen sein, vielmehr habe eine Verbesserung der Inlandskomponenten den Anstieg begründet. Grund hierfür dürften die Fiskalpakete zur Konjunkturstimulierung Anfang des Jahres gewesen sein. Der Anstieg habe eine Euphorie unter den Marktteilnehmern ausgelöst, die bereits eine Trendwende der chinesischen Konjunktur zum Besseren hin prognostizieren würden. Die Analysten würden diese Ansicht aufgrund mehrerer Faktoren nicht teilen.

Der Handelskonflikt zwischen China und den USA sei nach wie vor nicht gelöst, zum Zeitpunkt dieser Publikationsveröffentlichung seien allerdings vielversprechende Bemühungen auf oberstem Politiklevel zur Beseitigung des Konfliktes im Gange. Wie auch immer sich der Ausgang präsentieren werde, die ersten Konsequenzen der bisherigen Zollanhebungen seien in den chinesischen Exportstatistiken bereits sichtbar. Das Exportwachstum sei im Durchschnitt der ersten beiden Monate um ca.10% p.a. gefallen. Der Exportrückgang in die USA sei bereits deutlich ausgeprägter. Die Exporte dürften auch in den folgenden Monaten schwach bleiben. Neben dem Handelskonflikt werde die bevorstehende Abschwächung der globalen Konjunktur die chinesische Exportwirtschaft weiter ausbremsen.

Die chinesische Konjunktur, die seit dem letzten Jahr vor allem aufgrund der Restrukturierungsmaßnahmen einen Dämpfer versetzt bekommen habe, werde nunmehr mit mehreren Abwärtsfaktoren konfrontiert. Neben den Exporten dürfte auch die Entwicklung des privaten Konsums, welcher der wichtigste Eckpfeiler bei den Wachstumsbemühungen sein sollte, hinter den Erwartungen bleiben. Eine Umfrage der PBoC (Peoples Bank of China) zum Unternehmens- und Konsumsektor für Q1zeige infolge von Einkommensunsicherheiten die höchste Präferenz der Konsumenten für das Sparen seit vier Jahren. Gleichzeitig sei die Arbeitslosenrate (neue Umfrage von 2017) von 4,9% Ende des Jahres auf zuletzt 5,3% gestiegen, den höchsten Wert seit zwei Jahren.

Auch die Arbeitsmarktkomponente des PMI weise auf einen schwächeren Arbeitsmarkt hin. Inwieweit die beschlossenen Steueranreize wirken würden, dürfte zu einem guten Teil auch vom Konsumentenvertrauen abhängig sein. Die Anlageinvestitionen dürften zwar aufgrund der Befeuerung über die Infrastrukturinvestitionen in eine Stabilisierungsphase gekommen sein. Eine zunehmende Zurückhaltung der Bauträger deute allerdings darauf hin, dass die Immobilieninvestitionen aufgrund des Rückgangs bei den Landkäufen verhalten bleiben würden.

Um das diesjährige Wachstumsziel (6,0 bis 6,5%) zu erreichen, sei die Lockerung der Fiskal- und Geldpolitik fortgesetzt worden. Steuersenkungen seien im Ausmaß RMB 2 Billionen (2% des BIP) bekannt gegeben worden. Die für die Infrastrukturinvestitionen vorgesehene off-budget Finanzierung durch die Emission spezieller Anleihen durch die LGFV (Local Government Financing Vehicle) der lokalen Gebietskörperschaften solle sich auf RMB 2,15 Billionen um ca. 60% erhöhen.

Laut Finanzministerium seien die Ausgaben in den ersten beiden Monaten des Jahres bereits um 30% gestiegen, was auf die bereits umgesetzte Quotenerhöhung bei den LGFV zurückzuführen sei. Das heiße, der extra Impuls sei bereits zu Jahresbeginn gesetzt worden (RMB 782 Mrd. in den ersten beiden Monaten vs RMB 29 Mrd. im Vergleichszeitraum des Vorjahres). Für den Rest des Jahres bleibe daher nicht mehr viel übrig. Komme es zu einer Einigung beim Handelskonflikt, werde sich die Regierung mit weiteren Schritten zudem auch zurückhalten.

In Summe würden die Anreize bisher ca. 5% des BIP betragen und seien daher deutlich geringer als während früherer Krisen (2009: 12,5% des BIP). Auch die Zusammensetzung der Stimuli sei eine gänzlich andere. Ein stärkerer Fokus liege diesmal bei Steueranreizen und Förderung des privaten Konsums und der mittelständischen - kleineren Unternehmen. Bei früheren Paketen sei der Großteil der Ausgaben in Infrastrukturinvestitionen und in die großen, staatlichen Unternehmungen gegangen. Das bedeute aber auch, dass die Maßnahmen jetzt länger brauchen würden, um sich voll entfalten zu können.

Die Wirksamkeit der Maßnahmen lasse sich insgesamt mithilfe der sogenannten Multiplikatoren errechnen. Der fiskale Mulitplikator werde von mehreren Instituten für China auf 0,7 bis 1,0 geschätzt. Umgelegt auf die Auswirkungen des BIP-Wachstums entspräche dies in etwa 0,3 Prozentpunkte des BIP; rechne man den Einnahmeneffekt hinzu, käme man insgesamt auf in etwa 0,5 Prozentpunkte des BIP im ersten Jahr. Dieser Effekt werde reduziert von den Handelstarifen, die, bis sie schlagend würden, auf mehrere Jahre verteilt 0,54 Prozentpunkte kosten würden.

Parallel werde die Geldpolitik weiter expansiv ausgerichtet werden. Neben der Senkung der Mindestreservesätze sei mit zunehmender Verschlechterung der Unternehmensbilanzen und Gewinndynamik auch wieder eine Zinssenkung möglich. Zusätzlich kämen nicht standardisierte Maßnahmen zum Einsatz. Die Regierung habe es sich trotz ihres erklärten Ziels, das Kreditwachstum zu begrenzen, zum Ziel gesetzt, dass die großen staatlichen Banken ihre Kredite an kleine und kleinste Unternehmen (KMU) in diesem Jahr um 30% erhöhen würden.

Die Kredite an KMU würden etwa ein Drittel aller Bankkredite in China ausmachen. Solle das Gesamtwachstum der Kredite aber stabil gehalten wurde, müssten die Kredite an große und mittlere Unternehmen im Jahresvergleich entsprechend stark zurückgehen, was nicht der Fall sein werde. Im Endeffekt werde die Gesamtverschuldung weiter steigen. Diese Phase des Releveraging werde die finanzielle Verwundbarkeit des Privatsektors weiter erhöhen.

Insgesamt würden die Analysten keine Notwendigkeit sehen, das große Wirtschaftsbild für China neu zu zeichnen, ihre BIP-Prognosen für 2019 und 2020 lägen bei 6,2% p.a., in der Mitte des neu anvisierten Zielkorridors von 6,0 bis 6,5%. Entsprechend der vorlaufenden Stimmungsindikatoren und den Bottomingout beim Kreditwachstum, sollte sich die konjunkturelle Trendwende im Laufe des dritten Quartals einstellen. Das bedeute aber nicht, dass die Konjunktur wieder nach oben anspringen werde, sondern lediglich, dass ein weiterer Einbruch verhindert werden könne.

Unbestritten sei, dass Chinas Konjunkturentwicklung für die globale Welt von großer Relevanz sei. 2018 habe Chinas Anteil am globalen BIP 16% betragen und habe in den letzten fünf Jahren mit ca. 30% zum globalen BIP-Wachstum beigetragen. Als Daumenregel gelte, dass sich eine Wachstumsveränderung des chinesischen BIP von 1 Prozent mit 0,1 bis 0,4 Prozent beim globalen BIP niederschlage. Rohstoffexportierende EM und asiatische Länder seien über die Exportkomponente klarerweise stärker tangiert als Europa oder die USA. Innerhalb der Branchen könnten diesmal exportseitig die Konsumgüterexporteure stärker profitieren als die Investitionsgüterbranche. (11.04.2019/ac/a/m)