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Sa, 20. April 2019, 10:11 Uhr

Chinas Wirtschaft beginnt neues Jahr im Abwärtstaumel


10.01.19 10:23
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.aktiencheck.de) - Die Umfragewerte der chinesischen Einkaufsmanager fielen im Dezember erstmals seit 19 Monaten unter die Schwelle von 50 Punkten, was einem Schrumpfen der wirtschaftlichen Aktivitäten gleichkommt, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Erstmal seit 2018 sei auch die Komponente für die Auftragseingänge unter 50 Zähler gefallen, während jene für die Exportaufträge bereits seit Monaten im kontraktiven Bereich verlaufe. Der Caixin PMI konzentriere sich auf kleinere und mittlere Unternehmen, die als besonders exportorientiert gelten würden. Aber auch der offizielle, von NBS veröffentlichte Einkaufsmanagerindex, dessen Umfragen auf staatliche Konzerne gerichtet seien, zeige mit 49,4 Punkten im Dezember eine schwächere Industrietätigkeit an. Die Daten würden implizieren, dass der Konjunkturabschwung auf breiter Basis voll im Gang sei und sich der Abwärtsdruck im laufenden Jahr noch vergrößern werde. Ähnliche Aussagen könnten vom Li Keqiang Index abgeleitet werden, dem ein Vorlauf zur Konjunkturentwicklung von bis zu sechs Monaten nachgesagt werde.

Die Stimmungslage werde vom Handelskonflikt maßgeblich mitbestimmt. Würden die wieder im Gang befindlichen Verhandlungen zwischen den USA und China scheitern (um die bis Anfang März auf Eis gelegten US-Strafzölle zu vermeiden) dürfte das Sentiment neuerlich gedrückt werden. In der laufenden Woche sei eine US-Delegation zu Verhandlungen in Peking. Nur wenn diese Gespräche konstruktive Ansätze bringen würden, dürften weitere Verhandlungen auf höherer politischer Ebene folgen. Die strauchelnde Konjunktur in beiden Staaten könnte die Bereitwilligkeit zu einer Lösung erhöht haben.

Chinas Konzessionen könnten eine weitere Senkung der Zölle auf bestimmte Waren umfassen, die im Dezember erfolgte Wiederaufnahme des Kaufs von Sojabohnen intensivieren und Rechtsvorschriften zur Eindämmung von erzwungenem Technologietransfer beinhalten würden. Unmittelbare Handelsfragen dürften laut erstem Kommentar von Handelsminister Ross relativ einfach lösbar sein. Forderungen nach stärkerem Schutz von geistigem Eigentum und Marktzugangsrechten würden dagegen Strukturreformen erfordern und würden daher in keinem Schnelldurchgang zu erfüllen sein.

Noch würden sich aus dem Konflikt keine realwirtschaftlichen Effekte zeigen. Die Exporte in die USA würden - aufgrund von Vorzieheffekten - nach wie vor dynamisch wachsen. Der Handelsbilanzüberschuss mit den USA verharre in der Nähe der Rekordwerte. Die Vorzieheffekte dürften sich noch einige Zeit fortsetzen. Rückläufige China-Importe aus Korea, insbesondere importierte Halbleiter, würden neben den Umfragewerten aber auf einen bevorstehenden Exportrückgang schließen lassen. Exportrückgänge dürften sich daher sukzessive in 2019 einstellen und die bereits seit einem Jahr beobachtbare, binnengetriebene Konjunkturabschwächung (Stichwort Deregulierung) verstärken.

Die konjunkturpolitischen Zeichen in China stünden daher eindeutig auf Stimuli. Geldpolitisch habe die PBOC (People's Bank of China) zu Beginn des Jahres mit RRR Senkungen im Ausmaß von 100 BP, wirksam mit jeweils 50 BP am 15. und am 25. Januar überrascht. Zwar diene die dadurch erzielte Liquiditätsausweitung in erster Linie der Glättung der mit dem chinesischen Neujahr (5. Februar) üblicherweise zusammenfallenden Liquiditätsanspannung; auch der restriktive Effekt des auslaufenden MTLF (Medium Term Lending Faciltiy) Geschäftes spiele eine Rolle. Darüber hinaus dürfte aber auch eine Senkung der Finanzierungskosten angepeilt werden. Die zu Quartalsende sonst übliche Anspannung bei den Geldmarktsätzen sei Ende Dezember diesmal jedenfalls ausgeblieben.

Weitere geldpolitische Maßnahmen könnten folgen, wobei auch direkte Zinssenkungen wieder in Frage kämen. Allerdings sei die Spielwiese diesmal deutlich kleiner: Eine sinkende Zinsdifferenz zu den USA drücke auf den Wechselkurs. Die letzten Monate hätten gezeigt, dass die Währungshüter eine gröbere Abwertung vermeiden wollten. Im Unterschied zu den Krisenjahren 2015/16 sei die Kapitalabzugswelle aus dem Land diesmal aufgrund frühzeitiger Gegenmaßnahmen verhindert worden. Trotzdem zeige sich in den letzten Monaten bereits wieder ein negativer Kapitalsaldo, das heiße, es verlasse mehr Kapital das Land als Neues hinzukomme.

Die chinesischen Regierungsverantwortlichen würden versuchen, den schwerfälligen Wirtschaftsfrachter vor allem mithilfe fiskalpolitischer Steuerung in sichere Gewässer zu bringen. Ein großes Konjunkturpaket sei nach Meinung der Analysten aufgrund des nach wie vor akuten Verschuldungsthemas wenig wahrscheinlich. Vielmehr dürften die fiskalpolitischen Maßnahmen der konjunkturpolitischen Notwendigkeiten angepasst werden. Je ausgeprägter der Konjunkturrückgang sei, desto umfangreicher würden diese ausfallen. Neben Steuer- und Gebührensenkungen, Maßnahmen zur Steigerung des privaten Konsums und höheren öffentlichen Ausgaben vorwiegend im Ausbildungs- und Gesundheitswesen werde auch in größere öffentliche Projekte wie das 5G-Netzwerk und in die kommunale Infrastruktur investiert werden.

Generell dürfte es eine bedachte Vorgangsweise bei Reformmaßnahmen geben. Das Schließen von Zombie-Unternehmen stehe nach wie vor auf der to-do Liste während staatliche Unternehmen größer und stärker werden sollten. Obwohl in der letzten Arbeitskonferenz im Dezember das "Made in China 2025" Programm nicht explizit erwähnt worden sei, werde China den eingeschlagenen Innovations- und Technologiekurs beibehalten. Auch die Zusage zu einer größeren Marktöffnung sei erneuert worden. Direktinvestitionen von ausländischen Unternehmen in China sollten erleichtert und Schutz von geistigem Eigentum verbessert werden.

Zudem seien Pläne zur Änderung des Gesetzes über ausländische Direktinvestitionen angekündigt worden, welche den verbindlichen Technologietransfers verbieten würden. Soweit zu den Zugeständnissen am Papier. Die neu hinzukommenden, konjunkturschwächenden und konjunkturunterstützenden Faktoren sollten sich die Waage halten, weswegen die Analysten ihre BIP-Wachstumsprognosen für 2019 weiterhin bei 6,4% und für 2020 bei 6,2% p.a. festschreiben würden.

Auch abseits des Konjunkturzyklus seien Chinas BIP-Wachstumsraten aufgrund struktureller Faktoren längerfristig im Sinken begriffen: Demographische Faktoren (Bevölkerungswachstum, Überalterung der Bevölkerung) würden das Arbeitskräftepotenzial schrumpfen lassen. Produktivitätsgewinne seien auf dem erreichten Level - insbesondere beim Wandel in eine Dienstleistungsgesellschaft - schwer zu halten. Und auch das Investitionswachstum dürfte aufgrund der bereits exzessiven Investitionsquote nicht weiter in den Himmel wachsen. (10.01.2019/ac/a/m)