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Do, 11. August 2022, 11:19 Uhr

Kapitalmarkt: "2022 wird das Jahr der Stockpicker"


30.12.21 12:43
Shareholder Value Management

Frankfurt am Main (www.aktiencheck.de) - Nach dem Rekordjahr 2021 an den Börsen deutet sich jetzt eine andere Entwicklung an: Das Potenzial vieler Indices ist nach den deutlichen Zuwächsen begrenzt. Das Potenzial einzelner Aktien jedoch nicht, so Heiko Böhmer, Kapitalmarktstratege bei Shareholder Value Management.

Somit könnte 2022 das Jahr der Stockpicker werden - also der Investoren, die durch die Auswahl von herausragenden Einzeltiteln unabhängig von Indices eine überdurchschnittliche Rendite erzielen würden. Wir zählen schon seit Jahren zu dieser Kategorie und fühlen uns wohl in der Rolle der Renditejäger bei aussichtsreichen Einzelaktien, so die Experten von Shareholder Value Management.

Für die herausragende Stellung von Aktien auch 2022 würden gleich zwei Faktoren sprechen: Durch die faktischen Nullzinsen würden Anleihen als strategische Anlageklasse nahezu völlig ausfallen, zumal weltweit Anleihen im Volumen von über zehn Billionen Dollar negative Renditen aufweisen würden. Daran dürften auch der Beginn des Tapering der FED und perspektivisch steigende Zinsen zunächst wenig ändern.

Gleichzeitig seien die Bewertungen bei vielen Aktien noch nicht überzogen, gemessen am historischen Durchschnitt der großen Indices - trotz der hohen Werte an den Aktienmärkten. Dabei lohne sich der Blick auf die unterschiedliche Entwicklung in der Eurozone und in den USA. An der Wall Street seien die Bewertungen schon deutlich höher. Der S&P 500 habe hier zuletzt noch einmal deutlich zugelegt und bringe es jetzt auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 21 auf Basis der Gewinnschätzungen für das nächste Jahr. Das liege knapp 35 Prozent über dem historischen Durchschnitt der vergangenen 100 Jahre.

Ganz anders sehe es in der Eurozone aus. Hier liege die Bewertung beispielsweise beim EURO STOXX 50 bei einem KGV von 15 und damit nur leicht über dem 10-Jahres-Durchschnitt von 14. Ähnlich sehe es beim maßgeblichen Index in Deutschland, dem DAX, mit einem KGV von ebenfalls 14 aus. Auch das liege im Bereich des langjährigen Durchschnitts.

Eines sollte Investoren an dieser Stelle immer klar sein: Als Aktionär kaufe man direkte Anteile an einem Unternehmen, dabei sei es zunächst zweitrangig, wie hoch die aktuelle Bewertung sei, wenn denn das Ertragspotenzial dieses Unternehmens weiterhin gut sei - und das sei bei vielen Unternehmen noch gegeben.

Der langfristige Blick zeige was mit Aktien möglich sei: Seit 1926 habe der S&P 500 Index eine durchschnittliche Jahresrendite von über 10 Prozent erzielt. Ab 2022 sei es gut möglich, dass man sich auf Jahresrenditen zwischen fünf und acht Prozent einstellen müsse. Dennoch bleibe die Aktie dabei immer noch die Anlageklasse Nummer Eins. Und so gelte für Aktien auch 2022: TINA - There is no alternative.

Der Corona-Crash im März 2020 habe eine enorme Dynamik gehabt, mit einem Rekordabsturz von mehr als 30 Prozent bei vielen Indices und Einzelaktien, gefolgt von einer raschen Erholung. Dazu hätten sicherlich auch viele neue Investoren beigetragen, die nur noch mit Apps und Neobrokern handeln würden und häufig keine längerfristige Perspektive bei der Aktienanlage hätten. 2022 könnte es deshalb sehr gut zu höheren Schwankungen kommen, wenn es an den Märkten mal etwas ungemütlicher werde. Gut möglich seien schnelle massive Abverkäufe von Aktien, wenn sich eine schon negative Marktstimmung zur Panik steigere. Im vierten Quartal habe man ein Nachlassen der Marktbreite gesehen. Somit werde der Aufschwung nur noch von wenigen Firmen getragen. Auch so etwas mache die Märkte anfällig für eine Korrektur.

Ein weiterer Faktor für mögliche Schwankungen an den Aktienmärkten seien sicherlich auch einmal mehr die Notenbanken. Hier komme es ganz genau darauf an, mit wieviel Gefühl die Maßnahmen zur Eindämmung der Liquidität durchgeführt würden. Würden die Notenbanker zu stark auf das Bremspedal treten, könne das direkt negative Auswirkungen auf die Aktienmärkte haben. Das hat uns die Tapering-Phase in den USA im Jahre 2018 gezeigt, so die Experten von Shareholder Value Management. Damals seien die Märkte schlicht und einfach nicht gut darauf vorbereitet worden und es sei im vierten Quartal zum Absturz an den Aktienmärkten gekommen.

Seit der globalen Finanzkrise seien die Notenbanken die wichtigste Stütze der Aktienmärkte - ob die FED in den USA oder die EZB in der Euro-Zone. 2022 sei jedoch mit einer leichten Abkehr von dieser Strategie der lockeren Geldpolitik zu rechnen: Das Tapering, also das Zurückführen der Anleihenkäufe durch die Notenbanken, laufe schon. Dabei schränke die FED die Geldmenge nicht ein - nur die Ausweitung werde reduziert. Bildlich gesprochen heiße das: Aktuell gehe die FED nur vom Gas - trete aber nicht geldpolitisch auf die Bremse.

Allerdings habe die FED in den USA angekündigt 2022 mit den Zinserhöhungen zu starten und bis Ende 2023 insgesamt sechs Zinsschritte in Aussicht gestellt. Das würde dann auch das Geldmengenwachstum deutlich einschränken oder sogar zum Stillstand bringen. Auch in einigen kleinen Ländern wie Neuseeland oder Norwegen sei mit Zinserhöhungen zu rechnen. In der Eurozone werde es hingegen sicherlich noch bis zum Jahre 2023 dauern, bis die Zinsen einmal wieder steigen würden.

Die letzte Zinserhöhung in den USA habe es 2018 gegeben. Die letzte Zinserhöhung der EZB datiere vom Juli 2011. Damals hätten die Währungshüter in der Eurozone die Zinsen auf 1,5 Prozent erhöht. Seit Anfang 2016 notiere aber das Zinsniveau schon bei null. Die damalige Zinserhöhung sei im Übrigen ein Alleingang der europäischen Währungshüter gewesen und habe auch die Eurokrise im Sommer 2011 mit einer folgenden Rezession befeuert. Ein solcher Alleingang sei jetzt nicht zu erwarten. Daher gehe der erste Blick bei der Beurteilung der Notenbankpolitik immer in Richtung USA.

Deutlich höhere Zinsniveaus von zwei oder drei Prozent seien aber nicht in Sicht. Selbst der weitere Blick über das Jahr 2022 hinaus zeige, dass die Experten auf gar keinen Fall einen Anstieg der Zinsen auf mehr als 1,5 Prozent erwarten würden. Das wäre im Übrigen das gleiche Niveau was man vonseiten der US-Notenbank auch nach der letzten Tapering-Phase als Hochpunkt im Herbst 2018 gesehen habe.

2022 werde wohl ein Jahr für Stockpicker werden. Doch welche Aktien würden sich besonders stark entwickeln? Nach dem Höhenflug vieler Tech-Aktien 2021 habe es zuletzt schon danach ausgesehen, dass sich Qualitätsaktien 2022 besonders gut entwickeln könnten. In Phasen des Tapering durch die US-Notenbank seien diese Unternehmen regelmäßig die beste Aktiengattung gewesen.

Qualitätsaktien würden sich durch verschiedene Punkte auszeichnen: Dazu gehöre auf jeden Fall ein nachhaltiges und skalierbares Wachstum. Im besten Fall würden solche Unternehmen über einen oder sogar mehrere strukturelle Wettbewerbsvorteile, den so genannten wirtschaftlichen Burggraben verfügen - der im Englischen als Economic Moat bezeichnet werde. Für stabile Erträge sei auch eine moderate und für das jeweilige Geschäftsmodell angemessene Verschuldung eine wichtige Voraussetzung. Idealerweise seien diese Unternehmen dann auch noch familien- oder eigentümergeführt. Hier würden dann Großaktionäre in der Regel einen entscheidenden Einfluss auf die wirtschaftliche nachhaltige Geschäftspolitik nehmen.

Solche soliden Geschäftsmodelle hätten im Vergleich zu reinen Growth-Aktien kurzfristig weniger Potenzial. Doch für langfristig orientierte Stockpicker, wie wir es als moderne Value-Investoren auf jeden Fall sind, bieten diese speziellen Aktien eben relativ gut planbare Erträge, so die Experten von Shareholder Value Management. Nach dem Höhenflug der Hightech-Aktien 2021 sei es auf Basis der vielen existierenden Risiken gut möglich, dass eher defensivere Sektoren stärker in den Fokus rücken würden.

Dazu könnten auf jeden Fall auch Pharmatitel gehören. Diese Aktien würden die notwendige Stabilität mitbringen. Doch das Potenzial werde bei vielen großen Namen aus der Branche derzeit an der Börse nicht anerkannt. Hier biete sich also bezogen auf den langfristigen inneren Wert eine gute Möglichkeit mit hoher Sicherheitsmarge in attraktive Unternehmen zu investieren. In unseren Mandaten haben wir das unter anderem schon beim Schweizer Pharmakonzern Roche getan und unsere Position im Jahr 2021 stetig ausgebaut, so die Experten von Shareholder Value Management.

Selbst bei einem unterdurchschnittlichen Aktienjahr und Renditen im Bereich von vier bis sechs Prozent wäre das immer noch deutlich mehr, als mit gängigen Anleihen zu erzielen sei. Hier sei also klar ersichtlich: die Alternativen für Aktien würden fehlen und damit biete es sich auch 2022 weiterhin an, in diesen klassischen Sachwert zu investieren. (Ausgabe vom 29.12.2021) (30.12.2021/ac/a/m)





 
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