Suchen
Login
Anzeige:
Mi, 22. Januar 2020, 11:58 Uhr

Kapitalmarktbrief: Wendepunkte?


06.11.19 12:35
Allianz Global Investors

Frankfurt (www.aktiencheck.de) - Die Handelsspannungen zwischen China und den USA waren die größte Unsicherheitsquelle für das globale Wirtschaftswachstum der letzten zwei Jahre, so Stefan Scheurer, Director, Global Capital Markets & Thematic Research bei Allianz Global Investors.

Doch es zeichne sich eine nach langwierigen Verhandlungen beider Seiten vorläufige Vereinbarung in Richtung eines ersten Handelsabkommens ab, wenngleich die großen strukturellen Fragen im Handelsstreit nach wie vor ungeklärt bleiben würden. Diese mögliche Übereinkunft könnte nach vorne blickend den ersten Wendepunkt für einen Ausweg aus der Sackgasse bedeuten. Eine Sackgasse, die sich mit dem Verlauf zunehmend mehr im Unternehmer- und Verbrauchervertrauen bzw. Investitionsaufwand der Unternehmen niedergeschlagen habe - u.a. sei die globale Unternehmensstimmung auf das niedrigste Niveau seit Anfang 2016 gefallen.

Ein weiterer Wendepunkt könnte auch die zuletzt deutliche Annäherung in den seit Monaten festgefahrenen Verhandlungen zwischen der britischen Regierung und der Europäischen Union (EU) um den Brexit sein. Zwar scheine eine kurzfristig Lösung nicht in Sicht und so dürfte die politische Unsicherheit an den Börsen noch eine Weile anhalten, doch mit der Abstimmung im Unterhaus, den Gesetzgebungsprozess in die nächste Phase treten zu lassen - auch wenn die Parlamentarier den Regierungsplan über den Zeitplan der Umsetzung abgelehnt hätten - erscheine ein geregelter EU-Austritt Großbritanniens nach einer erneuter Fristverlängerung durch die Europäische Union zu einem späteren Zeitpunkt eine realistische Option.

Doch jene politischen Unwägbarkeiten würden nicht ohne konjunkturellen Folgen bleiben. Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) habe sich das Wachstum in 90% aller Staaten gegenüber dem Vorjahr abgeschwächt und habe mit 2,9% gegenüber Vorjahr in Q3 2019 auf dem niedrigsten Stand seit 2009 gelegen. Studien der US-Notenbank sowie des IWF würden von einem negativen Einfluss des Handelskonflikts auf das globale Wirtschaftswachstum von 80 bis 110 Basispunkte ausgehen. Das zeige sich mitunter auch am schwächsten Wachstum Chinas seit Jahrzehnten, wenngleich die schwache Entwicklung des Außenhandels sowohl auf Gründe außerhalb wie innerhalb Chinas zurückgehen dürften. Und so würden die Experten von Allianz Global Investors vor dem Hintergrund anhaltender (geo-)politischer Risiken im zweiten Halbjahr 2019 mit einem Wachstum der Weltwirtschaft unter Potenzial rechnen. Dabei überwiege weiterhin ihre Skepsis, ob eine expansivere Geldpolitik - seit Anfang des Jahres hätten mehr als 40 Notenbanken ihre Leitzinsen gesenkt - mit nur begrenzter fiskalischer Unterstützung ausreiche, um die zahlreichen ökonomischen und politischen Belastungsfaktoren im derzeitigen spätzyklischen Konjunkturumfeld auszugleichen.

Jene potenziellen Wendepunkte - die Teileinigung im Zollstreit sowie die Entwicklung in den EU-Austrittsverhandlungen - hätten letztlich an den internationalen Kapitalmärkten für Wohlwollen gesorgt. Während Aktienmärkte teilweise sogar fast neue Allzeithochs erreicht hätten, sei es an den Anleihemärkten zu Gewinnmitnahmen gekommen. Ob sich allerdings jener implizierte Optimismus fortschreiben lasse, hänge auch vom Verlauf der laufenden Q3-Berichtssaison ab. Der Konsensus gehe für den US-Aktienmarkt (S&P 500 (ISIN US78378X1072/ WKN A0AET0)) von einem Gewinnrückgang von knapp 4% aus - das lasse Raum für positive Überraschungen. Die vermehrt abwartende Positionierung der Investoren sowie Nettomittelzuflüsse in weltweite Anleihe- und Geldmarktfonds seit Anfang des Jahres von insgesamt fast 900 Mrd. US-Dollar - trotz einem Volumen der umlaufenden Anleihen mit negativer Rendite von mehr als 14 Bio. US-Dollar - könnten für einen weiteren Wendepunkt sprechen. Denn sollte sich die politische Unsicherheitsprämie in den kommenden Wochen weiter verringern, könnte dies zusammen mit einer international zunehmend akkommodierenden Geldpolitik Unterstützung für die globalen Aktienmärkte mit sich bringen. (Ausgabe November 2019) (06.11.2019/ac/a/m)