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Do, 18. Juli 2019, 17:07 Uhr

Österreich: Industrie fährt an Deutschland links vorbei


12.04.19 16:05
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.aktiencheck.de) - Das konjunkturelle Tempo in der Eurozone hat sich im zweiten Halbjahr 2018 spürbar verlangsamt, die deutsche Wirtschaft legte unter anderem aufgrund von Problemen in der (Automobil-)Industrie zeitweise sogar den Rückwärtsgang ein, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Verglichen damit habe die österreichische Volkswirtschaft nur moderat an Fahrt verloren. Insbesondere vor dem Hintergrund der großen Abhängigkeit Österreichs von seinem wichtigsten Exportmarkt Deutschland und der Verflechtungen der österreichischen Kfz-Zulieferindustrie mit dem nördlichen Nachbarn überrasche der Befund, dass sich Österreichs Industrie dem Abwärtssog bisher weitestgehend habe entziehen können. Denn im Gegensatz zur Industrieproduktion in Deutschland und der gesamten Eurozone habe sich die Industriekonjunktur in Österreich bisher nur moderat abgeschwächt (2017: +5,5% p.a.; 2018: +3,7% p.a.), ein Einbruch wie in Deutschland habe nicht stattgefunden. Doch was seien die Gründe für diese (temporäre) Entkoppelung der Industrie und die nach wie vor vergleichsweise solide Exportkonjunktur?

Anders als in der deutschen Industrie habe sich das Wachstum sämtlicher relevanter Sektoren im Jahr 2018 verglichen mit 2017 nur verlangsamt, eine rückläufige Produktion sei in keinem der maßgeblichen Industriebranchen verzeichnet worden. So hätten die Bereiche IT/elektr./opt. Geräte sowie der Maschinenbau lediglich etwas geringere Wachstumsbeiträge als im Jahr zuvor geleistet. Etwas stärker, aber auch nicht dramatisch sei die Abkühlung im Bereich der Metallerzeugnisse ausgefallen. Alles in allem hätten sich diese Industriezweige damit immer noch solide entwickelt und dafür gesorgt, dass das Wachstum der Industrieproduktion auf breiter Basis gestanden habe. Die nachlassende Dynamik passe jedoch in das Bild einer verlangsamten Konjunktur (im Ausland). Demgegenüber überrasche der Blick auf die österreichische Kfz (Zuliefer-)Industrie, deren Wachstumsbeitrag sich trotz Problemen der deutschen Automobilbranche mehr als verdoppelt habe. Eine erstaunliche Entwicklung, bedenke man, dass 29% der in Österreich gefertigten Kfz bzw. Kfz-Teile nach Deutschland exportiert würden.

Doch die Produktionsrückgänge der deutschen Kfz-Industrie (u.a. wegen Zulassungsproblemen im Zuge der Umstellung auf das neue WLTP-Abgasmessverfahren) seien auch an der österreichischen Kfz-Industrie bzw. den Zulieferbetrieben nicht spurlos vorübergegangen. So habe sich das Wachstum der entsprechenden Exporte nach Deutschland im Jahresverlauf 2018 deutlich abgeschwächt und sei in den letzten Monaten des Jahres sogar rückläufig gewesen (Dez. 18: -3,8% p.a.). Allerdings habe dies mehr als ausgeglichen werden können durch deutliche Steigerungen der Kfz-Exporte in andere Länder, wie Italien, die USA und allen voran UK. Das sei einerseits erfreulich. Andererseits seien dies jedoch allesamt Exportdestinationen, die politischen Risiken unterworfen seien, ein gewisses Rückschlagpotenzial sei also gegeben. Insbesondere die Thematik möglicher US-Strafzölle auf europäische Autos dürfte alsbald wieder ins Blickfeld geraten, sei eine Entscheidung darüber von US-Präsident Trump doch im Mai fällig.

Die Verlagerung von Kfz-Exporten von Deutschland hin zu anderen Ländern sei somit ein Grund, warum die Probleme der deutschen Automobilbranche nicht stärker auf die österreichische Industrie und die gesamten Güterexporte durchgeschlagen seien. Zwar habe sich deren Wachstum im Jahr 2018 auf 5,7% p.a. von 8,2% p.a. im Jahr 2017 abgeschwächt (Jan. 19: +5,0% p.a.). Dies nehme sich jedoch angesichts des raueren außenwirtschaftlichen Klimas respektabel aus. Zudem sei die schwache Exportentwicklung im Handel mit Deutschland im Wesentlichen auf die Transportbranche beschränkt geblieben, das gesamte Exportwachstum nach Deutschland habe sich somit "nur" von 7,0% p.a. (2017) auf 5,6% p.a. (2018) abgeschwächt, wobei in den letzten Monaten eine fortgesetzte Verlangsamung der Exportdynamik zu beobachten gewesen sei (Jan. 19: +1,8% p.a.).

Der Hauptgrund für die gegeben dem internationalen Gegenwind zufrieden stellende Exportentwicklung sei jedoch die weiterhin gute Konjunktur in der CE/SEE-Region sowie in den USA, die in Summe für 27% der österreichischen Güterexporte stünden. Zwar sei der konjunkturelle Höhepunkt sowohl in den USA als auch in Zentral- und Südosteuropa überschritten worden, die Konjunkturdynamik dürfte 2019 aber in beiden Fällen noch überdurchschnittlich ausfallen und damit die österreichischen Exporte stützen.

Alles in allem sollte sich aber der Trend kontinuierlich zurückgehender, jedoch nicht wegbrechender Exportzuwachsraten in den kommenden Monaten fortsetzen, eine abermalige Beschleunigung sei jedenfalls nicht zu erwarten. So seien beispielsweise die Export-Auftragseingänge in den letzten Monaten weiter deutlich gefallen. Ein Risiko würden bekanntermaßen die diversen politischen Gefahrenherde darstellen. Während ein ungeordneter Brexit zumindest vorerst abgewendet worden sei, dürfte sich nun der Fokus auf den weiterhin ungelösten Handelskonflikt mit den USA richten. Sollte Österreichs zweitwichtigster Handelspartner Strafzölle insbesondere auf europäische Kfz verhängen, würde dies der heimischen Konjunktur einen Dämpfer versetzen. (Ausgabe vom 11.04.2019) (12.04.2019/ac/a/m)