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Do, 7. Juli 2022, 10:43 Uhr

Angst vor den fehlenden Kleinteilen


18.05.22 13:44
Feingold-Research

Europaletten benötigen Schrauben aus Russland. Autohersteller zerlegen Playstation-Konsolen um Chips zu erhalten. Bei Investoren geht die Angst vor der kommenden Berichtssaison um.


Es mag nur ein Gerücht sein. Doch aus Kreisen deutscher LKW-Bauer hört man, dass bei Verfügbarkeit Playstation-Konsolen von Sony aufgekauft werden um Chips auszubauen und sie anderweitig zu verwenden. Dass LKWs zum Teil unvollständig die Hallen verlassen um später nachgerüstet zu werden ist ein Fakt. So oder so – die enge Verzahnung der Weltwirtschaft stellt sich derzeit als Achillesferse heraus. Wer auf der Einkaufsseite oder beim Absatz nicht breit aufgestellt ist, bekommt Schwierigkeiten. 


Stress im System


Normalerweise muss man sich als Anleger nicht mit „Perfluoralkyl- und Polyfluoralkylsubstanzen“, kurz PFAS, beschäftigen. Doch in der zunehmend komplexeren Welt sind es immer häufiger die kleinen Stellschrauben, die in ihrer Wirkung meist unterschätzen werden. Und dazu zählt auch PFAS als Kühlmittel im Ätzprozess, einem entscheidenden Schritt in der Chip-Produktion. Rund 90 Prozent des weltweiten Angebots an Kühlmitteln liefert der US-Konzern 3M und 80 Prozent davon entfallen auf ein Werk in Belgien. „Aufgrund von Emissionskontrollen musste die Produktion nun eingestellt werden, namhafte Chip-Hersteller wie Micron, Samsung und Taiwan Semiconductor könnten davon betroffen sein“, erläutert Jürgen Molnar, Kapitalmarktanalyst beim Broker RoboMarkets die Lage. 


Lieferkettenprobleme halten an


Drohende PFAS-Engpässe sind aber nur ein kleiner Teil der inzwischen global immer stärker in den Fokus rückenden Lieferkettenprobleme. Erst sorgte die dynamische Erholung vom Corona-Absturz für einen Angebotsschock und viele Vorprodukte standen nicht zu Verfügung. Erst kurz vor dem Krieg in der Ukraine hatte sich die Lage ein wenig beruhigt, mit dem Einmarsch Russlands kam der nächste Schlag. „Vor allem in der europäischen Automobilindustrie fehlen wichtige Komponenten. Die Auswirkungen lassen sich derzeit kaum abschätzen“, erklärt Stefan Riße von der Fondsgesellschaft Acatis das Problem. Damit ergibt sich auch ein Grund, warum Autobauer wie BMW, VW oder Daimler mitunter zu Dividendenrenditen von fünf oder mehr Prozent gehandelt werden. Die Ausschüttung sieht gut aus und ergibt sich aus dem merklich korrigierten Aktienkurs. Denn viele Konzerne wie zuletzt ElringKlinger dürften ihre Prognose für das laufende Geschäftsjahr 2022 aussetzen. 


Für einige Hybridmodelle gilt wegen fehlender Teile ein Bestellstopp, bei anderen Modellen müssen Kunden mehrere Monate auf ihr Fahrzeug warten. „Angesichts der verschärften Versorgungsprobleme reduzierten Analysten zuletzt ihre Prognose für die Produktion von Pkw- und leichten Nutzfahrzeugen für das Gesamtjahr um 2,6 Millionen Einheiten auf 81,6 Millionen Stück nach unten“, rechnet Analyst Molnar von RoboMarkets vor. 


China wird zum Problem


Wenig hilfreich sind die aktuellen Lockdowns in China. Wichtige Standorte der deutschen Automobilindustrie sind davon betroffen, rund 30 Prozent der Automobilproduktion in China steht derzeit still. Etwa 20 bis 30 Prozent aller Güter, die weltweit verkauft werden, haben Teile aus China drin. „Da überrascht es wenig, dass rund 74 Prozent der S&P 500-Unternehmen in ihren Berichten zum vierten Quartal 2021 auf Schwierigkeiten bei Lieferketten hinwiesen“, erklärt Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity International.  


Die anstehende Berichtssaison dürfte daher für Klarheit sorgen, wie sehr die Firmen von neuen Lieferproblemen betroffen sind. Bei vielen deutschen Unternehmen kommt China inzwischen eine Schlüsselrolle zu. Bei Infineon lag der „Greater-China“ (Festland-China, Hongkong, Taiwan) -Anteil 2021 bei 39 Prozent des Umsatzes. BMW und Daimler kommen auf rund 30 Prozent, bei VW sind es 41 Prozent, die China-Quote am Umsatz bei Aixtron beträgt sogar knapp 60 Prozent. In den vergangenen Jahren hat sich der wirtschaftliche Aufschwung in China als Segen für deutsche Unternehmen erwiesen, doch nun könnte auch hier ein Transformationsprozess einsetzen. 


Wo eine Krise ist, da liegen aber auch Chancen. Anleger können gerade jetzt schlaue Anlagepapiere vor allem auf Autobauer einsammeln. Die Zertifikatebranche bietet mit Memory-Expresspapieren oder auch lang laufenden Bonuszertifikaten Ideen, die dem reinen Aktiendirektinvestment oder einem simplen ETF überlegen sind und Renditen zwischen 10 bis 15 Prozent ermöglichen bei sehr überschaubarem Risiko. Man muss nur wissen, wo man sie findet und dann auch eine Portion Geduld und Gelassenheit mitbringen.



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