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Anleihen: Aussicht auf weiter steigende Zinsen drückt Preise


23.09.22 16:30
Redaktion boerse-frankfurt.de

Der Trend steigender Renditen hält an. Die Fed unterstreicht die Priorität der Inflationsbekämpfung. Der Markt ist nervös. Bei weniger Risikobereitschaft ist Qualität mitguter Bonität gefragt.
 


23. September 2022 Frankfurt (Börse Frankfurt). Die unbeirrten Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed bis zum Nachlassen der Inflation belasten den Anleihemarkt weiter. Nach Zinserhöhungen von insgesamt 300 Basispunkten in diesem Jahr – dem schnellsten Zyklus seit 1980 – und der jüngsten Erhöhung um erwartete 75 Basispunkte wird nun ein Zinskorridor in den USA von 4,25 und 4,5 Prozent am Markt erwartet.


Renditen steigen weiter


Im Umfeld immer noch nach oben überraschender Inflationsraten ist nach Einschätzung von Martin Hartmann von der Commerzbank weiterhin Vorsicht geboten. Die US-Notenbank dürfte auch im November die Zinsen um 75 Basispunkte erhöhen. „ Die Leitzinsen werden deutlich höher steigen, als dies die meisten Beobachter und die Fed selbst ursprünglich erwartet hatten“, kommentiert Hartmann. Da die Inflationsbekämpfung oberste Priorität habe, dürften die Leitzinsen so lange erhöht werden, bis es Belege für ein Nachlassen der Inflation gäbe. „Die Staatsanleiherenditen könnten daher weiter ansteigen.“


Die Rentenmärkte reagierten mit weiteren Kursverlusten. Die zehnjährige Bundrendite stieg nah an 2 Prozent. Aktuell notiert sie bei 1,92 Prozent, zweijährige Bundesanleihen rentieren mit 1,81 Prozent.


„Nachdem der Anstieg der Erzeugerpreise in Deutschland Schockwellen auch an die Anleihemärkte gesendet hatte und Norwegen und die Schweiz mit einer Zinserhöhung von 100 bzw. 75 Basispunkten negativ überrascht hatten, hatten viele Marktteilnehmer eine US-Zinserhöhung von 100 Basispunkten erwartet“, fasst Arthur Brunner von der ICF Bank zusammen. In Reaktion der Märkte wird die Zinskurve flacher, weil der Abstand zwischen zwei- und zehnjährigen Renditen nur noch 11 Basispunkte beträgt. „In den USA hingegen bleibt die US-Zinskurve invers“, erläutert Brunner. Das heißt, dass die langlaufenden US-Schuldtitel über 30 Jahre niedriger rentieren als die kurzlaufenden. Eine inverse Zinskurve gilt als Rezessionsindikator.


Arthur Brunner

Brunner


Fragile Stimmung


„Die Stimmung ist extrem fragil“, beschreibt Tim Oechsner von Steubing den Markt. Investoren würden warten ab. „Der Trend fallender Kurse und steigender Renditen bleibt intakt.“ Am Markt werde zunehmend realisiert, dass die Fed rigoros bleibt und die Zinsen erhöht, bis die Inflation nachlässt. „Damit bringt die Fed die EZB unter Zugzwang und macht die Anleger nervös.“ Es bringe nichts, sich gegen den Trend zu stellen. „Die Zeit für eindeutige Aufwärtspositionierungen ist noch nicht gekommen.“ Vielfach sei man an der Seitenlinie positioniert. Die Barquoten blieben hoch.


Weniger Risiko – mehr Qualität


Der Trend zu weniger Risiko (risk off) hält nach Einschätzung von Oechsner an. „Viele Anleihen werden es deshalb auch in Zukunft schwer haben. Risk off, weniger Risiko, bedeutet aber auch Flucht in Qualität.“ Krisenresistente Geschäftsmodelle seien bei Unternehmensanleihen gefragt. In einzelnen Titeln vermerkt Oechsner daher wieder Käufer: „Unternehmenstitel mit mittleren Laufzeiten von zwei bis vier Jahren und guter Bonität sind gefragt.“ So werden RWE-Papiere mit Laufzeit bis 2025 und einem Kupon von 2,5 Prozent (XS2523390271) gekauft. Aber auch SAP und Volkswagen seien als Schuldner gesucht. Kurskapriolen bei kleinen Titeln wie Saxony Minerals & Exploration schürten hingegen die Verunsicherung. So schwankte das Papier des Rohstoffförderers mit 7,75 Prozent Kupon und Laufzeit bis 2025 in dieser Woche zwischen 26 und 52 Prozent. Derzeit notiert es bei 40.


Oechsner


Vereinzelte Gewinnmitnahmen


Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank sieht Verkäufe von Titeln, bei denen Anleger*innen noch Kursgewinne erzielen. So werde aktuell eine PNE-Anleihe (DE000A30VJW3), die erst in diesem Jahr emittiert worden war, bis 2027 läuft und mit 5 Prozent verzinst ist, verkauft. Auch bis 2044 laufende Schuldtitel der Württembergischen Lebensversicherung (XS1064049767) mit 5,25 Prozent Kupon stehen auf den Verkaufslisten im Orderbuch von Daniel. „Obwohl die Renditen generell steigen, greift niemand beherzt zu“, stellt Daniel fest. Derzeit stünden liquide Mittel im Fokus. „Insgesamt sehen wir, dass kürzere und mittlere Laufzeiten eher gekauft, stattdessen längere verkauft werden.“


Staaten gehen weiter an den Markt


Im Zuge der weiteren Zinserhöhungen sind nach Angaben von Brunner hauptsächlich Staaten als Emittenten aktiv, nachdem in der Vorwoche eine regelrechte Flut neuer Unternehmensanleihen auf den Markt gekommen war. So finanziere sich Spanien bis 2043 unter anderen mit einer neuen Anleihe (ES0000012K95), die 3,45 Prozent Kupon aufweist und Österreich bis 2026 mit einem Papier (AT0000A308C5) von 2 Prozent Kupon.


Brunner registriert außerdem großes Kaufinteresse – wie schon in der Vorwoche – für ein Papier von BASF (XS1823502650), das bis 2025 läuft und mit 0,825 Prozent verzinst wird. Auch ein neu emittiertes Papier von Fresenius Medical Care mit einer Laufzeit bis 2027 und 3,875 Prozent Kupon (XS2530444624) werde gekauft.


Unter Druck seien hingegen Immobilientitel: „Hier wirken sich die Zinserhöhungen und die Aussichten auf weitere steigende Zinsen negativ aus“, erklärt Brunner. Besonders unter Druck sei eine Preos-Anleihe (DE000A254NA6) mit 7,5 Prozent Verzinsung, die bis 2024 läuft. „Anfang der Woche stand der Kurs bei 64,75 Prozent, inzwischen bei 59,60 Prozent“, berichtet Brunner. Preos sei ein typisches Beispiel für die verhaltene Risikoneigung der Anleger*innen im aktuellen Umfeld.


von: Antje Erhard, 23. September 2022, © Deutsche Börse AG




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