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Do, 9. Februar 2023, 11:34 Uhr

Die Börse hat sich verändert - Sind Lehren aus der Vergangenheit noch möglich?


22.05.20 11:50
LYNX Broker

Berlin (www.aktiencheck.de) - Hochs und Tiefs haben sich an den Börsen weltweit schon immer abgewechselt, so die Experten von LYNX Broker

Blasen seien geplatzt, auf den Aufschwung sei der Abschwung gefolgt und nach dem Tief sei es irgendwann wieder bergauf gegangen. Das sei der normale Verlauf. Doch die Erkenntnisse aus vergangenen Wirtschaftszyklen würden sich auf die heutige Zeit nicht mehr so einfach anwenden lassen, davon sei Sascha Sadowski, Marktexperte bei LYNX überzeugt.

"Die Aktienmärkte folgten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einem relativ gleichbleibenden Schema. Aktien wurden Berechnungen zum SPX-Aktienmarkt zufolge im Schnitt mit dem 15-fachen des Gewinns je Aktie bewertet. In Krisenzeiten sank dieser Wert auf das fünf- bis achtfache während in Spitzenzeiten ungefähr das 25-fache erreicht wurde", fasse Sadowski zusammen. "Hier haben wir bereits in der Finanzkrise von 2008 eine Veränderung gesehen: Im Tiefpunkt wurden Aktien immer noch mit dem zehnfachen Wert gehandelt, wurden also deutlich besser bewertet als in den vorangegangenen Finanzkrisen obwohl die Situation nicht minder gravierend war. Und das spiegelt auch einen Trend wider, denn die Bewertungen liegen heute auch unter normalen Bedingungen deutlich höher als in der Vergangenheit. Das könnte bedeuten, dass Tiefs künftig weniger stark ausfallen und Spitzenwerte in immer neue Höhen klettern."

Einen Grund für diese Entwicklung sehe der Experte in der veränderten Zusammensetzung der Aktienindices. "Während früher die Industrie die treibende Kraft war, sind es heute Tech-Unternehmen wie beispielsweise die Gruppe der FAANG-Aktien. Hier werden bereits seit Jahren immer höhere Bewertungen erzielt, als das in früheren Zeiten der Fall war. Auch die Renditen sind hier wesentlich höher und dürften in Zukunft noch weiter nach oben klettern", erkläre Sadowski. Damit spiele er auch auf das Mooresche Gesetz an, das besage, dass sich die Komplexität integrierter Schaltkreise regelmäßig verdoppele, wobei die Kosten für die nötigen Komponenten nur minimal steigen würden. "Übertragen auf die Börse heißt das: Tech-Unternehmen können bei weitgehend stabilen Produktionskosten immer bessere Produkte anbieten oder die Kosten für bestehende Produkte sogar senken, was wiederum die Rendite erhöht."

Ein weiterer - nach Sadowskis Meinung wesentlicher - Faktor sei die Einmischung der Zentralbanken und Regierungen in Krisenzeiten. "Heute reagieren sowohl Finanzbehörden als auch die Notenbanken wesentlich schneller als früher und versuchen die Wirtschaft durch niedrige Zinsen und Hilfspakete zu stützen. Das geht mittlerweile so weit, dass die Finanzmärkte regelrecht erwarten, dass Krisen durch staatliche Interventionen und die Zentralbanken abgeschwächt oder gar verhindert werden. Zum bereits bekannten FED-Put in den USA hat sich so der DC-Put gesellt und auch in Europa stellt sich die Lage ähnlich dar", so der Experte. Auf die Frage, ob das nun gut oder schlecht sei, antwortet er: "Das ist schwer zu sagen, denn einerseits ist es natürlich sinnvoll der Wirtschaft in schwierigen Zeiten wie jetzt während der Corona-Pandemie zu helfen und Arbeitsplätze soweit wie möglich zu erhalten. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch ein Eingriff in den Wirtschaftszyklus, in dem es nicht immer nur nach oben gehen kann. Eine weitere Gefahr ist, dass die Zentralbanken ihr Pulver zu früh verschießen und im Laufe der Zeit immer weniger Munition haben, um die Wirtschaft zu stützen, denn Zinssenkungen sind nur bis zu einem gewissen Grad möglich, wie man aktuell in Europa sieht. Die Erwartungshaltung vieler Marktteilnehmer, dass die Zentralbanken und Finanzbehörden den Schaden schon richten werden, könnte also enttäuscht werden. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass schnelle Maßnahmen die Tiefpunkte auch in Zukunft abschwächen werden." (22.05.2020/ac/a/m)