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Fr, 2. Dezember 2022, 20:23 Uhr

Globale Börsen: Ein rasches Ende der Erholungsbewegung


02.09.22 16:45
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.aktiencheck.de) - Nachdem die Börsen sowohl diesseits als auch jenseits des Atlantiks eine starke spätsommerliche Erholungsbewegung hingelegt hatten, fand diese mit der jüngsten Ansage der FED ein rasches Ende, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Die Hoffnung vieler Anleger, dass die US-Notenbank ihren aggressiveren Zinsanhebungspfad schon mit der anstehenden September-Sitzung abschwächen könnte, dürfte mit der Rede von FED-Chef Jerome Powell vergangenen Freitag endgültig erloschen sein. Dieser habe abermals betont, dass zurzeit das primäre Ziel der Währungshüter die Inflationsbekämpfung sei und die Wiederherstellung der Preisstabilität für "einige Zeit" eine restriktivere Geldpolitik nötig mache.

Da speziell die US-Aktienmärkte die vorangegangenen Wochen bereits eine gewisse Entspannung des geldpolitischen Kurses der Währungshüter eingepreist hätten, sei es keine Überraschung gewesen, als die Rede von Jerome Powell einen starken Verkaufsdruck an den Börsen ausgelöst habe. Dabei sei vor allem der mit zinssensitiven Tech-Titeln bestückte NASDAQ 100 (ISIN US6311011026/ WKN A0AE1X) mit einem Tagesminus von 4,1% unter die Räder gekommen.

Einen weiteren Belastungsfaktor für Aktienmärkte hätten die im Zuge von Powells Rede weiter ansteigenden US-Staatsanleiherenditen dargestellt. Die 2-jährigen Papiere seien zwischenzeitlich sogar auf über 3,5% geklettert - zuletzt hätten diese ein solches Niveau zuzeiten der Finanzmarktkrise 2007 erreicht! Auch in Europa stehen Notenbanker mit der EZB-Sitzung kommenden Donnerstag im Fokus, wobei unsere Ökonomen im Lichte der jüngsten Aussagen einiger EZB-Mitglieder hier von einem akzentuierten Zinsanhebungsschritt im Ausmaß von 75 Basispunkten ausgehen, so die Analysten der RBI.

Während in den USA das Marktgeschehen zurzeit vor allem von dem weiteren Vorgehen der FED bestimmt werde, teile sich in Europa die EZB das Rampenlicht mit einem extrem volatilen Energiemarkt. Nachdem die Gaspreise in den vergangenen Monaten lichte Höhen erklommen hätten, sei die europäische 1-Jahres-Benchmark auf zwischenzeitlich EUR 340 je MWh geklettert. Dies stelle eine Verdreifachung seit Anfang Juli dar! Dieser regelrechte Energiepreisschock habe Europa erschüttert und einige Staaten zu Rettungsaktionen einzelner (Versorgungs-)Unternehmen gezwungen. Der europäische Strompreis sei in den vergangenen Jahren dem Gaspreis beinahe im Gleichschritt gefolgt. Einerseits habe dies zu stark steigenden Inputkosten bei diversen Herstellungsprozessen geführt, andererseits verleihe dies der aktuellen Inflationsdynamik weiteren Rückenwind. Beides erschwere die Planbarkeit der Unternehmen erheblich.

Die Situation am Energiemarkt habe sich zuletzt jedoch entspannt, nachdem der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck bekannt gegeben habe, dass sich die deutschen Gasspeicher schneller als geplant füllten. Innerhalb weniger Tage nach der Meldung habe die 1-jährige europäische Gaspreisbenchmark mehr als ein Drittel auf unter EUR 200 je MWh nachgegeben.

Im Zuge dieser enormen Volatilität am europäischen Energiemarkt habe die EU unter den Energieministern aller Mitgliedsstaaten einen Krisengipfel für kommenden Freitag einberufen. Erst vor wenigen Tagen habe EU-Kommissionspräsidentin, Ursula von der Leyen, verkündet, dass die Währungsunion eine "Notfalls-Intervention" sowie eine strukturelle Reform des europäischen Energiemarktes plane. Mögliche Lösungsansätze - diskutiert würden laut Medienberichten Preisdeckelungen, eine Reduktion des generellen Strombedarfs sowie Übergewinnsteuern - könnten weitere Entspannung in die Situation bringen und inflationsdämpfend wirken. Dies würde wiederum Druck von den Notenbanken nehmen, auf den kommenden Sitzungen in größerem Ausmaß an der Zinsschraube zu drehen, was wiederum den Unternehmen aufgrund sinkender Refinanzierungskosten sowie niedrigeren Barwerten in etwaigen Bewertungsmodellen in die Karten spielen würde.

Auch der jüngste Rückgang des Ölpreises habe hier unterstützend gewirkt: Ein Fass der Nordseesorte Brent (ISIN XC0009677409/ WKN nicht bekannt) notiere aktuell in etwa bei der USD 95-Marke und nähere sich damit wieder den Tiefs des Sommers an. Für Gegenwind könnte hier allerdings das am 5. September anstehende Treffen der OPEC+ Mitgliedsstaaten sorgen, die kürzlich eine Reduktion der Fördermengen in Aussicht gestellt hätten, um den Preis des schwarzen Goldes zu stützen.

In Summe haben wir zwei schwache Wochen auf den europäischen und US-Aktienmärkten hinter uns, welche auf das übermütige Einpreisen eines Schwenks der Notenbanken in Richtung etwas lockerer Geldpolitik zurückzuführen waren, so die Analysten der RBI. Die mittlerweile altbekannten Belastungsfaktoren - Leitzinsanhebungen, Inflation, Energiepreise - würden weiterhin auf die Bewertungen der Unternehmen drücken, wenngleich der bevorstehende EU-Krisengipfel hier für eine gewisse Entspannung sorgen und schlussendlich die Börsen wieder etwas aufatmen lassen könnte.

Die Analysten der RBI würden weiterhin davon ausgehen, dass das Erholungspotenzial der Aktienmärkte diesseits und jenseits des Atlantiks im Sommer zu großen Teilen ausgeschöpft worden sei, und daher ihre "Halten"-Empfehlungen bekräftigen. In näherer Zukunft sollte man vor allem nach Opportunitätskäufen Ausschau halten. (02.09.2022/ac/a/m)





 
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