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Do, 1. Dezember 2022, 7:44 Uhr

Hoher Ölpreis als Chance: Das können wir aus der letzten Ölkrise lernen


11.03.22 11:54
LYNX Broker

Berlin (www.aktiencheck.de) - Anfang der Woche schoss der Preis für ein Barrel Rohöl der Sorte Brent auf fast 125 US-Dollar nach oben, ein Niveau, dass er seit 2012 nicht mehr erreicht hatte, so Sascha Sadowski, Marktexperte vom Online-Broker LYNX.

Damit liege er etwa doppelt so hoch wie vor der Pandemie und sogar sechsmal so hoch wie am Tiefpunkt im April 2020. Auch andere fossile Brennstoffe wie Gas seien infolge des Krieges in der Ukraine deutlich im Preis gestiegen und es sei angesichts der geopolitischen Unruhen nicht damit zu rechnen, dass die Preise schnell wieder sinken würden. International würden Politiker und Sozialverbände eine Entlastung der Verbraucher fordern, die die explodierenden Kosten direkt in ihrem Geldbeutel zu spüren bekämen. Erste Stimmen würden bereits wieder autofreie Sonntage ins Spiel bringen so wie bereits während der Ölkrise 1973. Und es gebe noch mehr Parallelen, wie Sascha Sadowski erkläre.

"Die Ölkrisen in den 1970er Jahren hatten schwere gesellschaftliche Auswirkungen und führten zu rapide steigenden Preisen. Gleichzeitig stagnierte das Wirtschaftswachstum. Die Folge war eine fast weltweite schwere Rezession. Auslöser waren in beiden Fällen geopolitische Unruhen, 1973 der Krieg zwischen Israel und Ägypten und 1979 die islamische Revolution im Iran und der daraus resultierende erste Golfkrieg", fasse der Experte zusammen und erkläre: "Die aktuell extrem hohen Energiekosten treffen besonders kleinere Geldbeutel schwer. Aber auch die Industrie leidet unter den Preisen und der Unsicherheit, wir müssen also extrem aufpassen, dass wir nicht wieder in eine schwere Rezession hineinschlittern und die Krise auch als Chance auffassen."

Während Deutschland als Antwort auf die Ölkrise 1973 die autofreien Sonntage beschlossen habe, seien die USA ein paar Jahre später einen deutlichen Schritt weiter gegangen. "Vor den beiden Ölkrisen wurden zwischen 35 und 45 Prozent des amerikanischen Öls importiert und als diese Leitungen versiegten, schnellten die Preise in die Höhe und es kam zu langen Schlangen an den Tankstellen. Doch der amerikanische Gesetzgeber reagierte und führte einige neue Regeln ein, um das Problem zu beheben: Es wurden erstmals Standards für den Kraftstoffverbrauch von Fahrzeugen eingeführt, das Tempolimit wurde gesenkt und Obergrenzen für den Benzinpreis wurden aufgehoben. Außerdem wurde verstärkt auf Kohle gesetzt und die Forschung zu erneuerbaren Energien intensiviert. In den darauffolgenden fünf Jahren sank der Ölverbrauch in den USA um ganze 20 Prozent. Das zeigt, dass in einer Krise auch im Energiesektor schnelle Änderungen möglich sind, wenn es die Versorgungssicherheit verlangt", erkläre Sadowski.

"Und noch eine Lektion können wir aus den beiden vergangenen Ölkrisen lernen: Wenn die Gefahr vorbei scheint und der Gesetzgeber seine Maßnahmen lockert, steigt die Nachfrage schnell wieder und man begnügt sich mit den vorhandenen Gegebenheiten."

Doch darin sehe Sadowski einen entscheidenden Unterschied zur Situation im ausgehenden 20. Jahrhundert, denn der Klimawandel und das Ziel, sich von fossilen Brennstoffen zu verabschieden und Klimaneutralität zu erreichen, hätten damals noch kaum eine Rolle gespielt. "Weil die beiden Ölschocks nur vorübergehend wirkten, hat der US-Gesetzgeber seinen Fuß vom Gaspedal genommen. Europa sollte heute nicht den gleichen Fehler machen. Egal, was die kommenden Wochen in der Ukraine bringen, Europa sollte den Moment nutzen, um den Übergang zu sauberer Energie zu beschleunigen - auch um sich von der Abhängigkeit von Russland und der OPEC zu befreien. Selbst wenn dies bedeutet, dass die Öl- und Gaspreise für eine Weile hoch bleiben."

Sadowski sei sich darüber bewusst, dass diese Meinung bei vielen Menschen nicht auf Gegenliebe stoßen werde, auch wenn gleichlautende Statements aus der Politik zu hören seien. "CO2-Handel und Steuern auf fossile Brennstoffe können auch staatliche Einnahmequellen bilden, aus denen Subventionen für Energierechnungen und andere Sicherheitsnetze für Haushalte mit niedrigem Einkommen finanziert werden können, die am meisten unter den hohen Preisen leiden. Langfristig wird der Umstieg auf erneuerbare Energien ohnehin kommen - und jetzt könnte diese Entwicklung noch einmal beschleunigt werden. Diese Chance sollte man nicht verstreichen lassen." (11.03.2022/ac/a/m)





 
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