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Fr, 7. Oktober 2022, 23:56 Uhr

Neues Risiko für Aktien: Revision der Gewinnerwartungen


29.06.22 11:23
Merck Finck

München (www.aktiencheck.de) - Im bisherigen Jahresverlauf sahen wir erhebliche Kursrückgänge bei Aktien (nahe dem Niveau der großen Finanzkrise), so Marc Decker, Stellvertretender Leiter Aktien bei Quintet Private Bank, Muttergesellschaft von Merck Finck.

Ob die Talsohle damit schon erreicht worden sei - das sei die Frage, die die Anleger jetzt bewege. Während die neuen makroökonomischen Rahmenbedingungen wie die Inflation und die Reaktion der Notenbanken sicher weitgehend eingepreist worden seien, seien die Gewinnerwartungen der Unternehmen bislang eine Stütze für die Aktienmärkte gewesen. Die Gewinndynamik habe sich sowohl in den USA als auch in Europa trotz zunehmender Rezessionsängste recht robust gezeigt. In beiden Märkten seien die Erwartungen für den Gewinn je Aktie heute höher als zu Beginn des Jahres, nämlich um drei beziehungsweise elf Prozent.

Die Margen hätten sich im ersten Quartal auf hohem Niveau gehalten, zumindest bei den Unternehmen, die in der Lage gewesen seien, ihre gestiegenen Kosten weiterzugeben. Seit dem Beginn der letzten Berichtsperiode für das erste Quartal 2022 seien die Erwartungen an das Gewinnwachstum der Unternehmen (ohne Energiesektor) in den USA allerdings um etwa vier Prozent gesunken, wohingegen die Erwartungen für das Umsatzwachstum relativ stabil geblieben seien. Der Trend scheine sich dementsprechend zu drehen.

Diese Unterstützung könnte nun, da die Berichtssaison für das zweite Quartal 2022 anbreche, wegbrechen - je nachdem, wie die weiteren Geschäftserwartungen der Unternehmen (Guidance) ausfallen würden. Denn viele Analysten seien bislang noch zögerlich bei der Anpassung ihrer Gewinnschätzungen gewesen.

Deshalb würden die nun anstehenden Halbjahresberichte entscheidend sein für den weiteren Verlauf der Aktienmärkte in diesem Jahr; sie würden vermutlich mehr Klarheit über die Auswirkungen der vielen globalen Herausforderungen auf die Unternehmensgewinne bringen.

Während man in den USA eine Rezession nicht unmittelbar bevorstehen sehe, sei das Bild für Europa unklarer. Eine Gewinnrezession, also eine enttäuschende Gewinnsaison plus starke Revisionen der Erwartungen für die Zukunft, sei vom Markt derzeit nicht eingepreist. Indizien dafür würden also durchaus ein Grund zur Sorge sein für übergewichtete Aktienpositionierungen.

Die gute Nachricht: Eine scharfe Rezession in Europa entspreche nicht der makro-ökonomischen Einschätzung der Analysten. Sie würden zwar davon ausgehen, dass die Gewinne im zweiten Quartal sinken würden - aber nur im Einklang mit dem sich verlangsamenden Wachstum. Jedenfalls wären davon Zykliker stärker betroffen als defensive Branchen. Weniger betroffen hingegen wären Tech-Werte; ihre Bewertungen hätten bereits unter dem Eindruck steigender Zinsen so stark korrigiert, dass nun die Ertragsstärke und Investitionskraft wieder im Vordergrund stünden. (29.06.2022/ac/a/m)