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Fr, 2. Dezember 2022, 23:16 Uhr

Sorgen vor dem Brexit unbegründet?


11.02.19 10:15
BÖRSE am Sonntag

Bad Nauheim (www.aktiencheck.de) - Die Sorgen und die Unsicherheit über den Ausgang des Brexits überschatten verständlicherweise einen Großteil der Analysen, die sich mit der aktuellen Investmentlandschaft im Vereinigten Königreich befassen, so die Experten von der "BÖRSE am Sonntag".

Als langfristige Anleger würden die Experten den Brexit zwar nicht gänzlich ignorieren, würden jedoch versuchen, eine pragmatischere Sichtweise zu finden. In der Tat würden sie erkennen, dass das vorherrschende, von Unsicherheit geprägte Umfeld in Wahrheit bestimmte Bewertungschancen für Anleger geschaffen haben könnte. Aber noch mehr als das: wenn die Experten die Brexit-Überlegungen einen Moment lang ausblenden würden, zeichne sich ein völlig anderes Bild der britischen Wirtschaft ab. Sie seien sich zwar der Tatsache bewusst, dass der Brexit zweifellos ein gewisses Maß an kurz- und sogar mittelfristiger Volatilität verursachen werde, ihre Erfahrung lehre sie jedoch, dass die Auswirkungen auf lange Sicht womöglich nicht ganz so signifikant sein könnten.

Derzeit scheinen wir uns in einer von maximalem Pessimismus geprägten Phase zu befinden, so die Experten. Die Unsicherheit darüber, wie sich die Beziehung des Vereinigten Königreichs zur Europäischen Union (EU) und zu anderen Handelspartnern im Nachgang des Brexits gestalten werde, habe insbesondere inländisch ausgerichtete britische Aktien belastet. Sorgen über eine mögliche weitere Abwertung des Pfunds Sterling habe zahlreiche Unternehmen derweil davon abgebracht, Investitionen zu tätigen.

Aber es gebe nicht nur schlechte Nachrichten. Und es lägen Anzeichen dafür vor, dass man sich an einem Wendepunkt befinden könnte. In den letzten Monaten hätten die Experten Hinweise darauf gesehen, dass das Durchschnittseinkommen in Großbritannien stärker steige als die Inflation. Nach einem äußerst schwierigen Jahr 2017 dürfte man also eine allmähliche Verbesserung der liquiden Mittel beobachten, die den privaten Haushalten zur Verfügung stünden.

Wenn man die Überlegungen in Bezug auf den Brexit vorübergehend einmal außer Acht lasse, erscheine die grundlegende Situation in Großbritannien derzeit im Hinblick auf die Beschäftigungslage, das durchschnittliche Einkommen und die Inflation vielversprechend. Natürlich seien nicht alle makroökonomischen Meldungen rosig. Die Experten würden aber dennoch Gründe für Optimismus sehen. Die jüngsten Prognosen des Office for Budget Responsibility (OBR) würden auf eine Abkühlung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den kommenden Jahren hindeuten. Das OBR rechne zudem damit, dass die Inflation im Vereinigten Königreich in diesem Jahr ihren Höchststand erreichen und dann in den darauffolgenden zwölf Monaten auf das von der Regierung vorgegebene Ziel von 2% zurückgehen dürfte. Dies entspreche auch den Erwartungen der Experten.

Die Experten würden die niedrigeren Zahlen zum BIP-Wachstum in Kombination mit Erwartungen einer sinkenden Inflation als weitere Hinweise darauf sehen, dass die Zinsen in Großbritannien noch auf längere Zeit niedriger bleiben dürften. Allgemein dürfte dies für britische Aktien aller Wahrscheinlichkeit nach positiv sein.

Ein Bereich, in dem sich aus Sicht der Experten - ungeachtet des Ausgangs des Brexits - erhebliche Chancen eröffnen würden, sei der britische Wohnbausektor. Sie seien sich der Tatsache bewusst, dass es für Anleger in Anbetracht der Unsicherheit über den Brexit gute Gründe gebe, die Baubranche mit Skepsis zu betrachten. Es sei jedoch unstrittig, dass angemessener Wohnraum in Großbritannien knapp sei. Und jegliche britische Regierung werde sich im Nachgang des Brexits mit dieser Unterversorgungslage auseinandersetzen müssen. Ganz gleich, welche Lösung letztlich gefunden werde: börsennotierte Wohnbaufirmen dürften eine zentrale Rolle spielen. Daher sei dies nach Einschätzung der Experten ein interessanter Bereich, um nach attraktiv bewerteten Anlagechancen Ausschau zu halten.

Die Analyse der Experten deute darauf hin, dass die Dynamik des Sektors äußerst vielversprechend sei. Zahlreiche britische Wohnungsbaugesellschaften würden sich in ausgezeichneter finanzieller Verfassung befinden, und viele von ihnen würden derzeit Nettoliquidität vorhalten. Darüber hinaus sei der Wettbewerb um Grundstücke im Vereinigten Königreich bei weitem nicht mehr so intensiv wie früher. Vor einem Jahrzehnt, kurz vor der Finanzkrise, sei der Wettbewerb um Bauland heftig gewesen. Heute würden die Grundstückspreise Bauherren aus Sicht der Experten jedoch gute Wertsteigerungschancen liefern, wenn man die Baukosten sowie die zu erwartenden wahrscheinlichen Verkaufspreise berücksichtige.

Alles in allem seien die Experten nach wie vor der Ansicht, dass der Brexit kurzfristig Unannehmlichkeiten verursachen könnte, während die Märkte das zwischen Großbritannien und der EU letztendlich ausgehandelte Ergebnis verdauen würden. Sie würden jedoch davon ausgehen, dass sich die meisten Unternehmen früher oder später an die Art und Weise, wie sie von nun an mit Europa und anderen Handelspartnern umgehen müssten, gewöhnen würden. Viele britische Unternehmen würden bereits heute Geschäfte mit dem Rest der Welt tätigen und also wissen, wie es gehe.

Daher würden die Experten es für unwahrscheinlich halten, dass das Vereinigte Königreich in fünf bis zehn Jahren durch den Brexit definiert werde. Dies lege in ihren Augen nahe, dass das aktuelle Umfeld potenzielle Chancen bieten sollte. (Ausgabe vom 07.02.2019) (11.02.2019/ac/a/m)