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Fr, 1. Juli 2022, 19:11 Uhr

Stagflation wie in den 70ern – nur ein böser Traum oder Realität?


17.05.22 15:33
wikifolio.com

Am 17. Oktober 1973 drehte die OPEC den Ölhahn zu – und stürzte den Westen damit in eine schwere Wirtschafskrise. Die Parallelen zu heute sind nicht von der Hand zu weisen.


öl-geld Quelle: shutterstock.com

1973 kostet ein 159-Liter-Fass Öl drei Dollar, Ende 1974 waren es 11 – und 1979, auf dem Höhepunkt der zweiten Ölkrise, klettert der Preis auf 38 Dollar je Fass. Ähnlich wie heute spielte auch damals ein geopolitischer Konflikt eine entscheidende preistreibende Rolle: Der 20 Tage dauernde Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel auf der einen und Ägypten sowie Syrien auf der anderen Seite. Um politischen Druck auszuüben, stellte die OPEC (Organisation erdölexportierender Länder) damals ihre Erdöllieferungen an die USA und die Niederlande, die Israel unterstützten, vollständig ein. Auch die anderen Industriestaaten erhielten weniger Öl.


oelpreis-historische-entwicklung Das schwarze Gold auf Höhenflug

Vor der Ölkrise 1973 kostete ein Fass Öl drei Dollar. So billig war es danach nie wieder. Das 2022er-Hoch erreichte der Ölpreis bei 129 Dollar. Aktuell kostet ein Fass knapp 100 Dollar.


Die Folgen waren verheerend. Der Ölpreis verdoppelte sich binnen kürzester Zeit. Besonders energieabhängige Unternehmen fuhren die Produktion zurück. Kurzarbeit und Entlassungen folgten, die Arbeitslosigkeit stieg. Das deutsche Wirtschaftswachstum endete, die Preise zogen dennoch an. Denn die Unternehmen gaben ihre höheren Energiekosten an die Verbraucher weiter. In der Folge forderten die Gewerkschaften höhere Löhne als Ausgleich für die Teuerung. Das wiederum erhöhte die Kosten für die Unternehmen. Eine Lohn-Peis-Spirale war in Gang gekommen. 1975 und dann nochmal 1982 – nach der zweiten Ölkrise – fiel die deutsche Wirtschaft in eine Rezession.


Ist die Situation heute mit der in den 70ern vergleichbar? Droht eine Stagflation – also eine wirtschaftliche Flaute samt steigender Preise?


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Fast 3 Jahrzehnte war die Inflation rückläufig. Geopolitische Krisen haben die beiden Ölpreisschocks der 70er-Jahre ausgelöst - und die Preise in die Höhe getrieben. Es gibt Parallelen zu der aktuellen Situation. (Quelle: Statistisches Bundesamt, inflation.eu)


Die erste Ölkrise 1973 vs. heute Vielfältige Gründe für steigende Preise

Der Ursprung der Teuerung ist heute zweifelsohne ein anderer als damals – nämlich die Corona-Pandemie. Nach gut drei Jahrzehnten fallender Preise stieg die deutsche Inflationsrate schon im Mai 2021 auf 2,5 Prozent und klettert seitdem unaufhörlich. Im September letzten Jahres zogen die Preise im Vergleich zum Vorjahr um 4,1 Prozent an. Der Krieg in der Ukraine hatte zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht begonnen.


Doch warum zogen die Preise an? Hier spielten mehrere Faktoren eine Rolle: Die Erhöhung der Mehrwertsteuer 2021, die zuvor wegen der Pandemie gesenkt wurde, machte Waren und Dienstleistungen wieder etwas teurer. Außerdem brachen die Energiepreise 2020 als Folge der Pandemie zunächst massiv ein, erholten sich aber rasch wieder. Öl kostete Ende 2020 unter 50 Dollar je Fass, Ende 2021 waren es wieder über 70. Der Basiseffekt spielte der Teuerung hier also mit. Daneben trugen die CO2-Abgabe und letztlich auch der nach den Lockdowns wieder erstarkte Konsum ihren Teil bei.


Mehr zur Teuerung als Folge der Pandemie: Der große Inflationscheck – was ist top und was flop?


Knappe Güter als Gemeinsamkeit Was ist Stagflation?

Stagflation bedeutet das gleichzeitige Auftreten von wirtschaftlicher Stagnation gepaart mit hoher Arbeitslosigkeit, nicht ausgelasteten Produktionskapazitäten und Inflation. Das letzte Mal kam es im Zuge der Ölkrisen in den 70er-Jahren dazu. Auslöser ist meist ein Angebotsschock, wie die Verknappung eines Gutes.


Doch das alles ist nur die halbe Wahrheit. Eine Frage ist in diesem Zusammenhang relevant: Was bedeutet Stagflation und wodurch wird sie verursacht? Eine Stagflation – also eine Rezession bei steigenden Preisen – wird oft durch einen Angebotsschock ausgelöst, das heißt ein Produktionsfaktor steht nicht mehr oder nur in geringem Ausmaß zur Verfügung. 1973 war das das Öl. Auch heute sieht sich die Wirtschaft mit Verknappungen von Vorprodukten und Rohstoffen konfrontiert. Verantwortlich dafür war zunächst die Pandemie, weil durch den Lockdown Lieferketten vielerorts unterbrochen wurden. So hat zum Beispiel die Autoindustrie seit geraumer Zeit mit einem akuten Chipmangel zu kämpfen.


Chinas Null-Covid-Strategie und natürlich der Krieg in der Ukraine verschlimmern die Güter-Verknappung – und zwar nicht nur bei Öl oder Gas: Die Ukraine deckt zum Beispiel einen erheblichen Anteil des weltweiten Bedarfs am Edelgas Neon, welches nicht nur für das Leuchten der Neonröhren verantwortlich ist, sondern unter anderem auch in der Chipproduktion zum Einsatz kommt. Doch die Neon-Werke in der Ukraine haben ihre Produktion zumindest zeitweise stillgelegt. Außerdem war die Ukraine als „Kornkammer Europas“ 2020/21 mit einem Anteil von über acht Prozent einer der größten Weizenexporteure der Welt. Produktionsrückgänge und blockierte Transportwege machen Weizen zu einem knappen Gut. Seit Kriegsbeginn ist der Weizenpreis um fast 50 Prozent auf zuletzt über 400 Euro je Tonne gestiegen.


Kein Wunder also, dass neben den steigenden Preisen für Energie auch Lebensmittel und andere Güter und Dienstleistungen teurer werden. Butter oder Sonnenblumenöl kosteten in Deutschland im April um gut ein Drittel mehr als noch vor einem Jahr. Wer sich den Luxus eines eigenen Stellplatzes fürs Auto gönnt, zahlt aktuell laut dem Statistischen Bundesamt im Schnitt sogar 50 Prozent mehr. Ein kleiner Trost: Schokolade und Speiseeis kosten heute etwas weniger als vor einem Jahr.


Die Gefahr der Lohn-Preis-Spirale Was ist eine Lohn-Preis-Spirale?

Von einer Lohn-Preis-Spirale spricht man, wenn Erhöhungen des Nominallohns für die Erhöhung des Preisniveaus verantwortlich sind bzw. sie sich gegenseitig verschärfend bedingen.


Wie groß ist nun die Gefahr, dass steigende Preise zu steigenden Löhnen und diese wieder zu steigenden Preisen führen? Noch ist es nicht so weit, aber die Angst vor einer Lohn-Preis-Spirale wie in den 70ern ist aktuell deutlich spürbar. Laut einer aktuellen Konjunkturumfrage des Familienunternehmer-Verbands bezeichnen 89 Prozent der knapp 800 befragten deutschen Unternehmen diese Gefahr als „groß“ oder „sehr groß“. Die Gewerkschaften stehen in den Startlöchern: Die IG Metall kündigte bereits Lohnforderungen in Höhe von 8,2 Prozent für die anstehenden Verhandlungen in der Eisen- und Stahlindustrie an. Auch DGB-Chef Reiner Hoffmann fordert höhere Löhne. Die Annahme: Die Unternehmen könnten es sich leisten, auch ohne die Preise zu erhöhen.


Mehr zum Thema Teuerung in unseren Voting-Insights: Müssen jetzt die Löhne steigen?


Alles in allem überrascht nicht, dass selbst die EZB als Hüterin der Preisstabilität langsam aber sicher besorgt ist. Fast im Einklang mahnen die Vertreter der Notenbank seit Anfang Mai zur Eile: Es gelte durch ein schnelles Handeln zu vermeiden, dass Zweitrundeneffekte wie ein Aufschaukeln von Preisen und Löhnen entstünden und die Inflationserwartungen aus dem Ruder liefen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat nun eine erste Leitzinserhöhung für Juli in Aussicht gestellt. Weitere sollen folgen. Doch reicht das noch?


Das ist fraglich. Bereits Mitte April warnte Thomas Mayer, Leiter des Flossbach von Storch Research Institute, im Interview mit n-tv, die EZB sei schon viel zu spät dran: „Ich sehe deutliche Parallelen zwischen der Stiuation heute und der in den 1970er-Jahren. Da hatten wir 1973 den Jom-Kippur-Krieg, der die Ölpreise in die Höhe trieb. Das gab einen Anschub in Richtung Lohnerhöhungen, die dann wiederum die Preise trieben. Die Zentralbanken damals waren ziemlich unvorbereitet – und ließen das Treiben lange geschehen, bis sie dann erst sehr spät, Anfang der 80er-Jahre eingriffen. Ich sehe die Situation heute sehr ähnlich. Die Zentralbanken haben die Inflationsdynamik unterschätzt und sie werden sie so schnell nicht wieder einfangen können.“


Geht’s der Wirtschaft gut?

wikifolio Trader Markus Raible sieht die EZB ebenfalls in der Verantwortung: „Die Löhne müssen steigen, damit die Haushalte die Mehrkosten durch die stark gestiegenen Preise, insbesondere Energie, aber auch Lebensmittel und Mieten, tragen können. Mit einer einmaligen Energiepauschale ist dieses Problem nicht zu lösen. Die EZB hätte gut daran getan, sich auf ihre Kernaufgabe, die Preisstabilität, zu konzentrieren. Ob sie diesen Geist der Inflation wieder in die Flasche bekommt, wage ich zu bezweifeln, zumal ihr durch die hohen Staatsverschuldungen und der rezessiven Tendenzen zinstechnisch wenig Spielraum bleibt, um deutlich gegenzusteuern.“


deutsches-wirtschaftswachstum Rezessive Tendenz?

Die deutsche Wirtschaft ist im ersten Vierteljahr 2022 leicht gewachsen. Die Rezession - also zwei aufeinanderfolgende Quartale, in denen die Wirtschaft schrumpft - konnte abgewendet werden. Doch die Aussichten sind unsicher. (Quelle: Statistisches Bundesamt)


Im ersten Quartal ist die deutsche Wirtschaft laut Daten des Statistischen Bundesamtes noch leicht gewachsen – und anders als befürchtet, nicht in die Rezession gerutscht. Doch die Kriegsfolgen und die Inflation belasten Unternehmen und Verbraucher. Die Aussichten sind daher unsicher.


Fazit

Die Situation heute ähnelt jener in den 70er-Jahren deutlich. Sollte es zu weiteren Sanktionen gegen Russland kommen, wie einem Öl- und Gas-Embargo, wäre jegliche Hoffnung auf eine Erholung der Wirtschaft nach der Pandemie wohl dahin.


Doch noch ist es nicht so weit. Noch kann auch eine Lohn-Preis-Spirale abgewendet werden. Und endet der Krieg, dann würden vermutlich auch die Energiepreise auf ein Vor-Kriegs-Niveau zurückgehen und den Preisdruck mindern. Anders als im Zuge der Ölkrisen in den Jahren 1973 bzw. 1979: Der Ölpreis blieb damals dauerhaft hoch. Das schwarze Gold war nie wieder für drei Dollar je Fass zu haben.


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