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Sa, 3. Dezember 2022, 1:14 Uhr

Volkswagen Vz

WKN: 766403 / ISIN: DE0007664039

Volkswagen: Zeitenwende im Raubtiermodus - Aktienanalyse


04.02.19 10:20
BÖRSE am Sonntag

Bad Nauheim (www.aktiencheck.de) - Volkswagen: Zeitenwende im Raubtiermodus - Aktienanalyse

Oliver Götz von der "BÖRSE am Sonntag" nimmt in einer aktuellen Aktienanalyse die Vorzugsaktie des Autobauers Volkswagen AG (ISIN: DE0007664039, WKN: 766403, Ticker-Symbol: VOW3, NASDAQ OTC-Symbol: VLKPF) unter die Lupe.

Blicke man nur auf das, was Volkswagen heute, Anfang 2019, an gigantischen Plänen für die Zukunft schmiede, dann scheine es wirklich schwer vorstellbar, dass das derselbe Konzern sei, der im September 2015, also vor gut drei Jahren, endgültig dabei ertappt worden sei, wie er mit illegalen Abschalteinrichtungen seine Dieselfahrzeuge in sauberes Gewand zu stecken versucht habe.

Einer der größten Industrieskandale, die Deutschland und die Welt je gehen habe, sei damit perfekt gewesen. 28 Mrd. Euro habe er VW bislang gekostet. Viele Unternehmen gäbe es nach solchen Strafzahlungen gar nicht mehr, doch die Wolfsburger - auch wenn in Sachen Dieselgate noch lange nicht über den Berg - hätten es tatsächlich geschafft, aus größter Not die berühmte Tugend zu machen. Mitten in einer wahrhaft lebensbedrohlichen Lage hätten sich die Wolfsburger zu Entscheidungen durchgerungen, die mit Blick auf den unter Martin Winterkorns eiserner Führung lange Zeit als eher konservativ geltenden Konzern wahrhaft revolutionär erscheinen würden.

Volkswagen präsentiere sich heute, knapp dreieinhalb Jahre später, und mit Herbert Diess als neuem Vorstandschef, im gereizten Raubtiermodus. Auch wenn selbst verursacht, scheinen die öffentlichen Prügel infolge des Dieselskandals Spuren hinterlassen zu haben, so Götz. In Wolfsburg wolle man es all seinen Kritikern und Nörglern, all denen, die VW bereits abzuschreiben versucht hätten und die den Niedersachsen die große, radikale Mobilitätswende nicht hätten zutrauen möchten, jetzt erst recht zeigen und beweisen.

Koste es, was es wolle. Im wahrsten Sinne des Wortes. Keiner unter den etablierten Fahrzeugherstellern investiere alles in allem so viele Milliarden in die Entwicklung neuer E-Autos, zukunftweisende Mobilitätsdienste, autonomes Fahren und die Digitalisierung wie Volkswagen. Allein in den kommenden fünf Jahren sollten 50 Milliarden Euro für die Entwicklung von 50 neuen E-Modellen locker gemacht werden, schreibe HSCB-Experte Jewgeni Ponomarev.

Diess wolle seinen Konzern völlig neu ausrichten, führe ihn so offenbar ähnlich durchsetzungsstark wie einst Martin Winterkorn, dabei aber in eine ganz neue Richtung. Und er scheine seine Ideen für die Neuausrichtung zumindest in den Köpfen der Führungsriege bereits fest verankert zu haben. Volkswagen, so wirke es, versuche sich mit Blick auf seine ganze Unternehmensphilosophie an einem Radikalschnitt.

Öffentlich habe sich VW so beispielsweise allen voran zum Pariser Klimaabkommen bekannt, habe zudem als erster unter den traditionellen Automobilherstellern einen fixen Zeitpunkt für den Abschied vom Verbrennungsmotor ausgegeben. "Im Jahr 2026 beginnt der letzte Produktstart auf einer Verbrennerplattform", habe VW-Chefstratege Michael Jost im vergangenen Jahr bei einem Branchentreffen der Autobauer angekündigt. "Das bedeutet, dass etwa 2033 der Produktionsstart für die letzten konventionellen Modelle ansteht." Um die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten, müsse die gesamte Fahrzeugflotte ab dem Jahr 2050 CO2-neutral unterwegs sein, habe sich Jost zudem an ein bisschen Klimapolitik fürs Image versucht.

Um das Jahr 2040 herum dürften damit die letzten Volkswagen mit herkömmlichem Antrieb neu auf die Straße rollen. Zugegeben, bis dahin sei noch einige Zeit zu gehen und Hersteller wie Tesla würden bereits heute ausschließlich Fahrzeuge mit E-Antrieb produzieren. Eine Ansage aber bleibe das trotzdem, vor allem mit Blick auf die Vehemenz, mit der VW den Konzernumbau vorantreibe.

Bis 2022 solle so beispielsweise das Passat-Werk in Emden zur E-Fabrik für Kleinwagen und Limousinen umgebaut werden. Auch in Hannover sollten schon bald und womöglich in Zusammenarbeit mit Ford Fahrzeuge mit Elektroantrieb vom Band rollen. Das Werk in Zwickau derweil werde gleichzeitig zur hochautomatisierten E-Auto-Schmiede. 2020 solle dort bereits das erste vollelektrische Automobil der neuen ID-Reihe produziert werden. 2022 dann könnte dies bereits fast vollautomatisch ablaufen, unter anderem via fahrerloser Transportsysteme und neuer, leistungsfähigerer Roboter. "Das ist ein Pilot für das ganze Land, für die gesamte Industrie", habe jüngst die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles bei einer Werksbesichtigung geschwärmt.

Und auch in China, genauer gesagt in Anting und Foshan, baue VW neue, hochmoderne Produktionshallen auf. In Chattanooga, USA, würden die Wolfsburger 700 Millionen Euro in den Umbau ihres bereits bestehenden Werkes investieren. 2022 solle dort bereits der ID Crozz zusammengebaut werden. Insgesamt sollten weltweit in einem ersten Schritt acht neue Werke entstehen, die dann den neu entwickelten modularen Elektrifizierungsbaukasten (MEB) von VW nutzen könnten. Auf diesem basierend sollten dann zunächst 15 Mio. Fahrzeuge von den Bändern rollen. Hier komme VW einmal mehr seine Konzerngröße zu Gute. Einmal entwickelt, könne das Baukastensystem nicht nur für die Kernmarke, sondern eben auch für viele Tochtermarken nutzbar gemacht werden. Und von diesen gebe es, um mit Audi, Skoda und Seat nur die dafür wohl am ehesten infrage kommenden zu nennen, ja genügend.

Allein in China übrigens wolle VW 2019 vier Milliarden Euro investieren. Auf dem chinesischen Markt schließlich werde die Zukunft des Konzerns entschieden, habe es Herbert Diess vor kurzem deutlich gesagt. Neben vielen weiteren Joint-Ventures und strategischen Allianzen wolle man unter anderem wohl mit verschiedenen Partnern ein Elektro-Schnellladenetzwerk im Land auf bauen. In China, so Diess weiter, gebe es das richtige Umfeld für die Entwicklung der nächsten Generation Autos.

Aber auch in Deutschland arbeite VW am Ausbau der Ladeinfrastruktur. Ab 2020 schon, sollten eigene, mobile Schnellladesäulen in die Serienfertigung gehen. In die dafür verantwortlich zeichnende Komponentensparte - seit Januar eine eigene Einheit in VWs Konzerngebilde - würden bis 2023 3,8 Mrd. Euro fließen. Mit dem Geld solle unter anderem auch die Forschung mit Blick auf eine mögliche Entwicklung und Produktion eigener Batterien vorangetrieben werden. Damit nicht genug habe sich VW mit "Elli" nun auch noch einen eigenen Stromanbieter gegründet. "Unsere Mission ist es, der E-Mobilität den Weg von der Nische in den Mainstream zu bahnen", habe dessen designierter Chef, Thorsten Nicklaß die Aufgabe seines Unternehmens beschrieben.

Neben Shuttle-Bus-Tochter Moia, deren Fahrservices in Hannover bereits genutzt werden könnten und sich nun auch in Hamburg im Testbetrieb befinden würden, hätten sie sich in Wolfsburg auch gleich noch einen neuen Vorstandsposten für "Autosoftware" geschaffen. "Software wird ein entscheidendes Differenzierungsmerkmal im Automobil von morgen, daher müssen wir den Software-Entwicklungsprozess deutlich beschleunigen", habe Diess erklärt.

Ganz unabhängig von alldem treibe Volkswagen seine Expansion in Afrika voran. Nach Nigeria und Ghana wolle man sich nun auch in Äthiopien niederlassen. In Algerien, Ruanda und Kenia sei man ebenfalls aktiv. In Südafrika stehe ein Produktionswerk. Auch das klinge nach gut gestellten Weichen für die Zukunft. Experten würden dem afrikanischen Markt schließlich gewaltiges Potenzial zumessen, sollte es dem Kontinent auf Dauer gelingen, Kriege, Korruption und Armut einzudämmen.

Mit den erneuten Rekordabsatzzahlen für das Jahr 2018 im Rücken - konzernweit habe VW 10,83 Mio. Fahrzeuge und damit 0,9% mehr aus als noch im Jahr zuvor geliefert - scheine bei all dieser Zukunftsenergie einiges angerichtet zu sein für gute Stimmung. Besondern bei Anlegern, die noch dazu von einer sehr günstigen Aktienbewertung - das KGV des VW-Papiers liege bei 5,3 - profitieren könnten. Zudem locke eine Dividendenrendite von 3,6%. Nach einem schwachen Jahr 2018 stehe der Kurs nur noch bei rund 147 Euro, seit Monaten bereits bewege sich die Aktie volatil seitwärts. Doch reiche das an Argumenten für den Einstieg, wo doch sowohl das realwirtschaftliche als auch das Finanzmarkt-Umfeld derzeit so deutlich Anlass zur Sorge geben würden?

Nun, 2019 dürfte zu einem herausfordernden Jahr werden, nicht nur für VW und seine Aktie, für Börse und Wirtschaft im Allgemeinen. Hinzu komme, dass mit Blick auf die Automobilhersteller nach wie vor Trumps Strafzollpolitik wie ein Damoklesschwert über ihnen schwebe und der Brexit wie die von Experten prognostizierte globale Abkühlung der Wirtschaft große Unsicherheitsfaktoren bleiben dürften.

Andererseits gleiche das, was VW da langfristig, das Steuer in die Zukunft gerichtet, vorhabe, einer Zeitenwende. Die Wolfsburger scheinen auf einmal die Zukunft für sich entdeckt zu haben, erfinden sich in weiten Teilen neu und fahren eine Vollgas-Offensive, die eindrücklicher kaum sein könnte, so Götz. Stets darauf bedacht keinen Markt zu verpassen, würden sie Öffentlichkeit und Branche mit ständig neuen Ankündigungen, immer wieder neuen Versprechen, Kooperationen, Investitionen pulverisieren. In E-Mobilität und Automatisierung genauso wie in die globale Expansion. Es scheine fast so, als hätten sie es sich in Niedersachsen zur Aufgabe gemacht, Elon Musks Marketing-Show zu kopieren.

Inmitten seiner immer noch nicht ausgestandenen Abgaskrise strotze VW also vor Kraft, wolle vom reinen Fahrzeughersteller zum Mobilitätsdienstleister werden und scheine sich ganz offensichtlich plötzlich auf die Zukunft zu freuen. Würden die Wolfsburger all ihre Pläne tatsächlich und erfolgreich in die Tat umsetzen, könnten das womöglich auch die Aktionäre. Bleibe nur zu hoffen, dass sie sich nicht übernehmen würden in Niedersachsen. Die Gefahr, dass am Ende nur eine nett ausgemalte Erfolgsgeschichte auf Papier bleibt, besteht, so Oliver Götz von der "BÖRSE am Sonntag". (Ausgabe 5 vom 03.02.2019)

Bitte beachten Sie auch Informationen zur Offenlegungspflicht bei Interessenskonflikten im Sinne der Richtlinie 2014/57/EU und entsprechender Verordnungen der EU unter folgendem Link.

Börsenplätze Volkswagen-Vorzugsaktie:

Xetra-Aktienkurs Volkswagen-Vorzugsaktie:
148,68 EUR -0,59% (04.02.2019, 09:34)

Tradegate-Aktienkurs Volkswagen-Vorzugsaktie:
148,40 EUR -0,01% (04.02.2019, 09:47)

ISIN Volkswagen-Vorzugsaktie:
DE0007664039

WKN Volkswagen-Vorzugsaktie:
766403

Ticker-Symbol Volkswagen-Vorzugsaktie:
VOW3

Eurex Optionskürzel Volkswagen-Aktienoption:
VO3

NASDAQ OTC Ticker-Symbol Volkswagen-Vorzugsaktie:
VLKPF

Kurzprofil Volkswagen AG:

Der Volkswagen Konzern (ISIN: DE0007664039, WKN: 766403, Ticker-Symbol: VOW3, NASDAQ OTC-Symbol: VLKPF) mit Sitz in Wolfsburg ist einer der führenden Automobilhersteller weltweit und der größte Automobilproduzent Europas.

Unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen steigerten sich im Jahr 2017 die Auslieferungen von Konzernfahrzeugen auf 10,741 Millionen (2016: 10,297 Millionen). Der Pkw-Weltmarktanteil beträgt leicht gesteigert 12,1 Prozent.

In Westeuropa stammen 22,0 Prozent aller neuen Pkw aus dem Volkswagen Konzern. Der Umsatz des Konzerns belief sich im Jahr 2017 auf 231 Milliarden Euro (2016: 217 Milliarden Euro). Das Ergebnis nach Steuern betrug im abgelaufenen Geschäftsjahr 11,6 Milliarden Euro (2016: 5,4 Milliarden Euro).

Zwölf Marken aus sieben europäischen Ländern gehören zum Konzern: Volkswagen Pkw, Audi, SEAT, ŠKODA, Bentley, Bugatti, Lamborghini, Porsche, Ducati, Volkswagen Nutzfahrzeuge, Scania und MAN. Jede Marke hat ihren eigenständigen Charakter und operiert selbstständig im Markt. Dabei erstreckt sich das Angebot von Motorrädern über Kleinwagen bis hin zu Fahrzeugen der Luxusklasse. Im Bereich der Nutzfahrzeuge beginnt das Angebot bei Pick-up-Fahrzeugen und reicht bis zu Bussen und schweren Lastkraftwagen.

In weiteren Geschäftsfeldern werden im Volkswagen Konzern Großdieselmotoren für maritime und stationäre Anwendungen, Turbolader und -maschinen, Spezialgetriebe, Kompressoren und chemische Reaktoren hergestellt.

Darüber hinaus bietet der Volkswagen Konzern ein breites Spektrum an Finanzdienstleistungen an. Dazu zählen die Handler- und Kundenfinanzierung, das Leasing, das Bank- und Versicherungsgeschäft sowie das Flottenmanagement.

Der Konzern betreibt in 20 Ländern Europas und in elf Ländern Amerikas, Asiens und Afrikas 123 Fertigungsstatten. 642.292 Beschäftigte produzieren an jedem Arbeitstag rund um den Globus durchschnittlich 44.170 Fahrzeuge, sind mitfahrzeugbezogenen Dienstleistungen befasst oder arbeiten in weiteren Geschäftsfeldern. Seine Fahrzeuge bietet der Volkswagen Konzern in 153 Ländern an.

Mit seinem Zukunftsprogramm "TOGETHER - Strategie 2025" hat der Volkswagen Konzern den Weg freigemacht für den größten Veränderungsprozess seiner Geschichte: die Neuausrichtung eines der besten Automobilunternehmen zu einem der weltweit führenden Anbieter nachhaltiger Mobilität.

Dazu wird der Konzern sein automobiles Kerngeschäft transformieren, u.a. mit mehr als 30 zusätzlichen vollelektrischen Modellen bis zum Jahr 2025, sowie dem Ausbau von Batterietechnologie und autonomem Fahren als neue Kernkompetenzen. Parallel dazu wird als zweite Säule ein markenübergreifender Geschäftsbereich für intelligente Mobilitätslösungen aufgebaut. Die Beteiligung am Vermittler von Fahrdienstleistungen Gett war hierzu der erste Schritt; um diesen Kern werden sich in den nächsten Jahren weitere Dienste wie Robotaxis, Carsharing oder Transport-On-Demand gruppieren. Um den Wandel erfolgreich umzusetzen, stellt der Konzern seine Innovationskraft auf ein breiteres Fundament: So wird die Digitalisierung in allen Marken, Bereichen und Funktionen forciert.

Zudem öffnet sich Volkswagen starker als bisher für Partnerschaften, Zukäufe und Beteiligungen. Zur Finanzierung der notwendigen Zukunftsinvestitionen hat sich der Konzern zum Ziel gesetzt, in allen Bereichen, Marken und Regionen deutlich effizienter zu werden. (04.02.2019/ac/a/d)

Offenlegung von möglichen Interessenskonflikten:

Mögliche Interessenskonflikte können Sie auf der Site des Erstellers/ der Quelle der Analyse einsehen.





 
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