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Mi, 5. Oktober 2022, 7:07 Uhr

Weltweite Abhängigkeit von Taiwans Chipindustrie


03.08.22 13:35
Merck Finck

München (www.aktiencheck.de) - Der Besuch der US-Politikerin Nancy Pelosi in Taiwan sorgt derzeit für wachsende politische Spannungen zwischen den USA und Taiwan auf der einen und China auf der anderen Seite, so Marc Decker, stellvertretender Leiter Aktien bei Quintet Private Bank, Muttergesellschaft von Merck Finck.

Als "Sprecherin" des US-Repräsentantenhauses sei sie in der Nomenklatur der USA die dritthöchste Repräsentantin, wodurch sich China in seinem Anspruch, Taiwan als Teil Chinas zu beanspruchen, provoziert sehe und mit militärischem Säbelrasseln reagiere. Seit Jahren würden die Spannungen zwischen den USA als schwächer werdende globale Hegemonialmacht und China als Herausforderer wachsen. Eine Einschätzung des realen militärischen Konfliktpotenzials sei hier nahezu unmöglich, die Auswirkungen einer Eskalation aber umso dramatischer; die Finanzmärkte wären einer breiten und hohen Welle an Risikoaversion ausgesetzt.

Die Experten würden derzeit jedoch nicht mit einer militärischen Zuspitzung des Konflikts rechnen. Dagegen spreche auch, dass die Chinesen sehr strategisch und langfristig denken würden. Auch wenn die Unsicherheit groß sei, würden sie eine Fortsetzung der derzeitigen Situation mit einem anhaltendem Hin und Her für wahrscheinlicher halten. Angesichts dessen, was auf dem Spiel stehe, hätten sowohl die USA als auch China gute Gründe, eine echte Konfrontation zu vermeiden. Ein erneuter Handelskrieg (und ein möglicher Finanzkrieg) könnte der Hauptauslöser für die Eskalation der Spannungen sein. Die Märkte würden eine Eskalation des Konflikts definitiv derzeit nicht einpreisen.

Die wirtschaftliche Bedeutung Taiwans speise sich vor allem aus seiner Halbleiterindustrie. Taiwan Semiconductor Manufacturing Co (TSMC) (ISIN US8740391003/ WKN 909800) sei der globale Markt- und Innovationsführer in der Produktion von sogenannten "Leading Edge" Chips unter 10nm und entscheidend für die Produktions- und Lieferketten von Halbleiterprodukten weltweit. So sei TSMC für circa 60% der weltweiten Chip-Produktion verantwortlich; viele Unternehmen der Halbleiterindustrie hätten ihre Produktion an TSMC ausgelagert. Gehe es um Taiwan, gehe es also zumeist auch um diese Schlüsselindustrie.

Zwar würde mit einer Invasion Chinas in Taiwan aus verschiedenen Gründen nicht zwangsläufig die Übereignung des Know-hows dieser Unternehmen an China einhergehen. Dennoch: Aufgrund der strategischen Bedeutung dieser Industrie habe sich in den letzten Jahren deutlicher politischer Druck aus den USA und Europa entwickelt, entsprechende Spitzentechnologie im Halbleiterbereich vor Ort anzusiedeln. So sei Ende 2020 der Bau eines Chip-Werkes von TSMC in Phoenix, Arizona, genehmigt worden, um die Lieferkettenabhängigkeit zu reduzieren.

Zuletzt habe der US-Kongress ein Gesetz zur Förderung der Chip-Industrie für rund 52 Mrd. US-Dollar verabschiedet. Weitere 200 Mrd. US-Dollar seien hier für die Verwendung in der Forschung vorgesehen. Mit dem "European Chips Act" mit einem Volumen von 43 Mrd. Euro habe man in der EU einen ähnlichen Weg eingeschlagen.

Diese Anstrengungen würden die geostrategische Dimension der Halbleiterindustrie augenscheinlich machen. Für Investoren sei es wichtig, zu beurteilen, an welcher Stelle der vertikalen und der horizontalen Integration dieser Industrie sich ein Unternehmen befinde, um die möglichen Auswirkungen dieses geopolitischen Konfliktes beurteilen zu können. TSMC, jedenfalls, unterhalte auf Taiwan die meisten seiner Halbleiterwerke, in denen die modernsten CPUs, GPUs, Smartphone-Prozessoren und andere Chips produziert würden. US-Hersteller wie Apple, AMD, NVIDIA und QUALCOMM, aber inzwischen auch Intel seien auf TSMC genauso angewiesen wie chinesische Firmen. (03.08.2022/ac/a/m)