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Mo, 3. Oktober 2022, 7:33 Uhr

Werden Versicherungen zu Russlands Achillesferse?


27.05.22 11:04
LYNX Broker

Berlin (www.aktiencheck.de) - Russland ist es bis jetzt gelungen, die Auswirkungen der Sanktionen auf seinen Ölhandel zu minimieren, so Sascha Sadowski, Marktexperte beim Online-Broker LYNX.

Doch jetzt drohe Ungemach von unerwarteter Seite, denn schon bald könnten russische Öltanker ohne Versicherung dastehen. Offenbar würden Versicherer sowohl aus den USA als auch aus Europa planen, im Zuge der gegen Moskau verhängten Sanktionen die Deckung für russische Schiffe zu kürzen. Auch Öltanker aus Drittstaaten würden demnach Gefahr laufen, von westlichen Versicherungen fallen gelassen zu werden, sollten sie russisches Rohöl transportieren. Für Russland stelle diese Situation ein großes Problem dar, sollte die Regierung in Moskau keine Lösung finden, um die Versicherungslücke zu schließen.

"Die Schritte westlicher Versicherer könnten Moskaus jüngsten Erfolg bei der Umleitung von Rohöllieferungen aus Europa und den Vereinigten Staaten nach Asien untergraben, den Rückgang seines europäischen Geschäfts beschleunigen und ein größeres Loch in die Energiemärkte reißen", erkläre Sascha Sadowski. Erwartet werde, dass der geplante Rückzug der europäischen und amerikanischen Versicherungen bereits im Juni oder Juli eintreten könnte, da zu diesem Zeitpunkt einige Policen auslaufen würden, wie Insider gegenüber Reuters berichtet hätten.

"Der Druck, der auf Versicherungen ausgeübt wird, den Transport von russischem Öl nicht zu versichern, ist immens und zeigt Insiderquellen zufolge Wirkung. Reedereien, die trotz allem weiter russisches Rohöl transportieren wollen, müssen sich darauf einstellen, dass ihre Versicherungen gekündigt oder nicht verlängert werden. Sie müssen jedoch eine sogenannte Protection & Indemnity (P&I)-Versicherung haben, die Haftpflichtansprüche Dritter, einschließlich Umweltschäden und Verletzungen, abdeckt. Außerdem sind Kasko- und Maschinenpolicen üblich, die Schäden am Schiff abdecken. Da diesen Bereich amerikanische und europäische Versicherer dominieren, die sich nun aus dem Geschäft mit Russland zurückziehen wollen, könnte es schwer werden, diese Lücke zu schließen", fasse Sadowski zusammen.

Eine Lösung könnte es sein, auf Versicherungen zurückzugreifen, deren Sitz in Ländern liege, die die amerikanischen und europäischen Sanktionen nicht mittragen würden. "Doch um die enormen Versicherungsrisiken abzusichern, werden auch diese Versicherungen sich rückversichern müssen - und dieser Mark ist ebenfalls fest in westlicher Hand, was bedeutet, dass auch hier die Sanktionen greifen. Von daher ist es unwahrscheinlich, dass Versicherungsunternehmen aus Drittstaaten das Risiko eingehen, keine Rückversicherung mehr zu erhalten, nur um Russland einen Gefallen zu tun", vermute der Experte.

Eine andere Möglichkeit wäre eine staatliche Absicherung durch China oder Moskau. Dann könnten russische Versicherungen entsprechende Policen auflegen und die Lücke schließen. "Ein solches Vorgehen ist durchaus vorstellbar, wenn Indien und China weiter willens sind, das vom Westen verschmähte russische Öl billig abzunehmen. Bereits jetzt übernehmen russische Versicherungsgesellschaften die Absicherung der heimischen Öltanker. Ob hier allerdings Garantien durch den Staat abgegeben wurden, lässt sich aktuell nicht mit Gewissheit sagen."

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Staat eingesprungen sei, um maritime Risiken beim Transport sanktionierter Waren abzusichern. Bereits 2012 habe Japan eine staatliche Haftungsgarantie genutzt, um weiter iranisches Öl zu importieren, nachdem westliche Versicherer aufgrund von Sanktionen die Deckung eingestellt hätten, bevor nicht ein Atomabkommen mit Teheran erzielt worden sei.

"Natürlich ist 2012 ein Präzedenzfall, allerdings lässt sich die damalige Entscheidung nicht einfach auf heute übertragen, da es ausschließlich um iranisches Öl ging", erkläre Sadowski. "Aktuell sieht es nicht danach aus, als ob japanische Versicherungen dieses Mal wieder Rückendeckung vom Staat erhalten, ganz im Gegenteil: Sollten westliche Versicherungen sich aus Russland zurückziehen, könnten japanische Anbieter es ihnen gleichtun." Noch gebe es kein Verbot, Schiffe in ausländischem Besitz zu versichern, die russisches Öl transportieren würden, doch das könnte sich ändern. "In der Zwischenzeit sanktioniert die Versicherungsbranche sich selbst und der russische Schifffahrtssektor erlebt derzeit die Konsequenzen." (27.05.2022/ac/a/m)