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WKN: A1W6XZ / ISIN: US90184L1026

Bittere Wahrheiten


19.05.22 09:12
Ralf Flierl

Besser wirds nicht: Geht die Inflation, kommt die Stagflation.

Ein Freisprecher


Jerome Powell ist der mächtigste Geldmann des Planeten. Er leitet die Federal Reserve, die Notenbank der USA. Was Powell sagt, ist interessant, weil es relevant ist – für die Wirtschaft und für unser Geld. Aber es gibt einen Mann, dessen Äußerungen sind aktuell noch spannender: Ben Bernanke, Powells direkten Amtsvorgänger. Der hat heute nämlich einen entscheidenden Vorteil gegenüber Powell. Bernanke kann frei sprechen.

Er ist nicht länger in die Zwänge des Amtes eingebunden, arbeitet aber noch immer in Washington und hat weiterhin Einblick in die dortigen Zirkel der Finanzmächtigen. Anlässlich einer Buchvorstellung sprach er jetzt frei von der Leber weg: „Selbst im besten Szenario sollten wir von einer erlahmenden Wirtschaft ausgehen.” Die Anleger spitzten die Ohren. Ist Gefahr im Verzug? Durchaus möglich, denn Bernanke wurde noch deutlicher. Er nannte sogar einen Zeitrahmen: „Die Inflation ist immer noch zu hoch, aber sie kommt herunter. So sollte es eine Periode geben im nächsten Jahr oder in den nächsten beiden Jahren, da das Wachstum niedrig sein wird, die Arbeitslosigkeit zumindest ein wenig steigen wird und die Inflation immer noch hoch bleibt.”

Das sind bittere Wahrheiten, die ein amtierender Fed-Chef kaum aussprechen könnte. Es gäbe Aufruhr an den Märkten. Aber „Freisprecher“ Bernanke darf das: „Sie können das Stagflation nennen”, tönte es aus ihm ganz unverblümt. Da war nicht nur wieder das Schreckenswort, es wurde auch noch von jemandem ausgesprochen, ja geradezu angekündigt, der wie kaum ein anderer die Kompetenz besitzt, sich zum Thema zu äußern. Bei Wikipedia mag man nachlesen, wie eine Stagflation exakt definiert ist. Für Anleger bleibt vor allem eines wichtig: Sie ist Renditegift für jedes ungeschützte Depot. Selbst wer es schafft, der Inflation ein Schnippchen zu schlagen, was bei einer stagnierenden oder gar rückläufigen Wirtschaft alles andere als leicht ist, bei dem hält dann auch noch der Fiskus die Hand auf – und besteuert im Wesentlichen Scheingewinne.

Ein Lautsprecher


Für die leichten Inhalte ist mittlerweile Elon Musk zuständig. Der Immer-noch-Ausnahmeunternehmer und Möchtegern-Marsianer entwickelt sich zum Hauptdarsteller einer von ihm höchstselbst inszenierten Twitter-Soap, die mit immer neuen und überraschenden Wendungen aufwartet. Dabei schreckt Musk auch nicht vor dem Einsatz dosierter Geschmacklosigkeiten wie einem Kothaufen-Emoji zurück, das er vorgestern twitterte. All das hält das Aufmerksamkeits- und Erregungsniveau bei Freund und Feind gleichermaßen hoch; weniger allerdings die Aktienkurse. Die schaukelten nämlich zuletzt mit jeder weiteren Volte heftig hin, oder eben her. Und das galt sowohl für seine Elektroautoschmiede Tesla (WKN: A1CX3T) als auch für den Kurznachrichtendienst Twitter (WKN: A1W6XZ, vgl. Abb.), den Musk übernehmen will – falls er ihn noch übernehmen will.

So schnell wie Musk mittlerweile Meinungen und Milliarden hin- und herschiebt, kann ihm kaum noch ein Investor folgen. Das zugehörige Börsenspielfeld ist nun eher etwas für Twitter-affine Daytrader, die jedem Kurszucken hinterherjagen, um daran vielleicht Geld zu verdienen, auf jeden Fall aber Nerven zu lassen. Andere Börsenbeobachter genießen einfach die Show. Auch die US-Börsenaufsicht SEC wird dem Treiben wohl zusehen, dies allerdings nicht, um sich unterhalten zu lassen. Denn die fast Comic-haften Börsenabenteuer Musks könnten durchaus erneut mit den strengen Regularien der US-Börsen in Konflikt geraten.


Ein Insider


Kommen wir zur wichtigsten, zur alles entscheidenden Frage in einem Aktiennewsletter: Wann hört der Ausverkauf an den Märkten auf? Wir haben die Antwort. Beziehungsweise wir lassen diese von einem echten Wallstreet-Insider aussprechen. Andy Kessler entwarf Computerchips, bevor er für Morgan Stanley arbeitete und den Hedge Fund Velocity Capital mitbegründete. Seine Meinung ist glasklar: „Wir müssen eine Kapitulation sehen.” Der Boden sei erst dann erreicht, wenn die vielen neuen, aber unerfahrenen Anleger entnervt aufgeben, also solche, die sich Papiere wie Robinhood (WKN: A3CVQC) oder Cathie Woods ARK Innovation Fund (WKN: A14Y8H) ins Depot getackert haben.

Robinhood-Aktien haben seit ihrem Kurshöhepunkt im August 2021 rund 85% verloren. Der ARK Innovation Fund hatte seinen Gipfel im Februar 2021 erklommen. Danach begann der Abstieg und bescherte inzwischen Kursverluste von ca. 74%. Weitere angesagte Papiere haben einen spektakulären Kursverfall erlebt wie der Wettanbieter DraftKings, der Fleischersatzproduzent Beyond Meat und die Krypto-Handelsplattform Coinbase.

Zwar gab es in der ersten Wochenhälfte an den Börsen einen breit angelegten Erholungsversuch. Es scheint aber noch immer zu viel Hoffnung in den Märkten zu sein. Erst wenn alles raus muss, wenn auch die Blue Chips auf den Markt geworfen werden und buchstäblich um Käufer gefleht wird, dann wäre der Tiefpunkt nach Meinung erfahrener Beobachter, also solcher, die auch schon echte Baissen durchlitten haben, erreicht.

In Europa könnte Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), den Anlass zu einem solchen Ausverkauf geben – falls, ja falls sie die in ausgesuchter Schwurbelrhetorik angekündigte Zinserhöhung im Sommer tatsächlich wahrmacht. So viel Entschlusskraft dürfte die Aktienmärkte gehörig erschrecken – vielleicht sogar Frau Lagarde selbst – und die Kurse abermals auf Talfahrt schicken. Letztlich wird aber selbst „Mme Inflation“ keine andere Wahl bleiben, als den Zinshebel umzulegen. Denn die Inflation ist zu hoch und wir alle spüren es.


Ein König


Die Probleme wären damit aber keineswegs gelöst. Die Inflation im Euroraum mag durch eine Zinserhöhung der EZB zurückgehen. Allerdings würden dann die Konsumenten anfangen, sich ebenfalls zurückzuhalten. Die Industrieproduktion käme ins Stottern, die Wirtschaftsleistung sänke, Unternehmer führten Investitionen zurück und die Arbeitslosigkeit stiege.

Ein solches Szenario deutet die Goldpreisentwicklung bereits an. Obwohl wir in Inflationszeiten leben, fällt der Goldpreis seit Wochen. Möglicherweise sehen die Anleger hinsichtlich eines weiteren Zinsanstiegs aber auch zu schwarz, denn der Realzins wird absehbar auch weiter negativ bleiben, was prinzipiell unterstützend für Gold wirkt. Und hier schließt sich der Kreis: Falls wir in eine Stagflation abgleiten und diese sogar starke Elemente einer Rezession aufweist, dann ist Gold durchaus attraktiv, allein schon wegen des fehlenden Kontrahentenrisikos. Allerdings wurde zuletzt sogar der Kreuzwiderstand aus der fallenden Begrenzungslinie der Konsolidierungsformation (Abb., grüne Linie) als auch der 200-Tage-Durchschnitt (blaue Linie) nach unten durchschlagen. Das Durchbrechen eines solchen Kreuzwiderstands ist ein echtes Schwächezeichen und kann eigentlich nur durch eine rasche Rückeroberung beider Marken geheilt werden.
In einer solchen Situation kann Cash, zumindest phasenweise, zum eigentlichen King werden. Vorzugsweise war dies zuletzt der US-Dollar, in den eine regelrechte Fluchtbewegung eingesetzt hat. Allerdings ist Cash nur so lange „King“, solange dessen Kaufkraft nicht vermehrt durch die Inflation weggeknabbert wird. Noch ein Hinweis: Aus gutem Grund heißt es „Cash is King“, nicht Kontoguthaben, Fest- oder Termingelder.

Eine Erholung


Über dem DAX hängt weiter die massive Widerstandszone von 14.800 bis 15.000 Punkten (vgl. Abb.). Diese liegt aktuell noch rund 600 Punkte entfernt. Sollte der DAX also diese Zone im Zuge der jüngsten Erholungsrally noch erreichen – wir halten dies für unwahrscheinlich – stünde er erst vor der eigentlichen Bewährungsprobe. Über der Widerstandszone verläuft zudem auch noch die fallende 200-Tage-Linie als langfristiger Trendindikator (vgl. Abb., blaue Linie). Nach einer Kursbewegung, die, vom Zwischentief gemessen, bereits rund 900 Punkte überstrichen hat, dürfte der DAX also relativ erschöpft sein, sobald er in diesen Sphären ankommt. Die Kraft, diese massiven Widerstände zu überwinden, dürfte ihm dann fehlen. Realistischer erscheint uns daher ein baldiges Auslaufen der Rally, zumal auch von der Nachrichtenseite im Moment wenig bis gar keine Unterstützung für den Markt kommt. Der explosivste Teil der Erholungsbewegung, das sogenannte Short Covering, dürfte ohnehin bereits ausgelaufen sein, so dass sich die Frage aufdrängt, was auf dem jetzt erreichten Niveau neue Käuferschichten motivieren könnte, sich gegen einen erst relativ jungen Abwärtstrend zu stemmen. Das Thema Baisse wird übrigens auch im nächsten Smart Investor 6/2022 breiten Raum einnehmen.


Musterdepots & wikifolio


In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über unsere aktuellen Musterdepot-Transaktionen und die Entwicklung unseres wikifolios „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich lesen zu können, müssen Sie Abonnent des Smart Investor Magazins sein und sich auf der Smart-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@smartinvestor.de an.


Fazit


Trotz der jüngsten Kurserholung bleibt das Thema Baisse aktuell.

Frank Sauerland, Ralph Malisch

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