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Sa, 18. April 2026, 9:44 Uhr

Flucht in Staatsanleihen


19.03.08 11:02
ABN AMRO

Amsterdam (aktiencheck.de AG) - Die Krise am Kreditmarkt hat sich trotz des geldpolitischen Gegensteuerns der US-Notenbank weiter verschärft, berichten die Analysten von ABN AMRO.

Das Schreckgespenst der Stagflation gehe um.

Seit den 70er Jahren sei dieses Krisenszenario kaum noch ein Thema gewesen: Eine stagnierende Wirtschaft bei gleichzeitig steigender Inflation. Damals sei die Stagflation in den Industrieländern hausgemacht gewesen. Es seien administrierte Preise erhöht, die Steuern angehoben und vor allem kräftige Lohnsteigerungen durchgesetzt worden, obwohl die Wirtschaft stagniert habe. Der Ölpreisanstieg habe dazu beigetragen, die Konjunktur abzuwürgen. Das Szenario heute sei anders, aber das Ergebnis könnte ähnlich sein.

Die Konjunktur in den Industrieländern, vor allem in den USA, werde durch das Austrocknen des Kreditmarktes ausgebremst. Der gleichzeitige Inflationsdruck sei jedoch nicht hausgemacht. Er sei vor allem die Folge weltweit steigender Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise. Dieser Preisanstieg spiegle die zunehmende Knappheit an natürlichen Ressourcen wider. Eine Lohn-Preis-Spirale wie in den 70er Jahren, die auch als Inflationsspirale bezeichnet werde, sei derzeit noch nicht zu erkennen.

Zusätzlich sei noch nicht sicher, ob die Zinssenkungen und Liquiditätsspritzen ihre stimulierende Wirkung auf die Konjunktur entfalten könne. Der Blick auf die Zinssituation am Anleihemarkt zeige, dass die Investoren von einem schwachen Wachstum ausgehen würden, die FED wahrscheinlich jedoch eine deflationäre Krise verhindern könne. Dabei würden sich die amerikanischen Notenbanker durchaus erfinderisch zeigen. Wie schon im Dezember 2007 habe die FED in der vergangenen Woche in einer konzertierten Aktion mit den europäischen Notenbanken den Märkten Liquidität in Höhe von 200 Mrd. USD zur Verfügung gestellt, um die Funktionsfähigkeit der Geldmärkte zu erhalten und eine Krise am Kreditmarkt zu verhindern.

Zugleich nutze die FED ein neues geldpolitisches Instrument mit dem Namen Term Securities Lending Facility. Darunter verstehe man den Tausch von Anleihen wie hypothekenbesicherten Bonds gegen Staatsanleihen. Ziel sei es, den ausgetrockneten Kreditmarkt zu reanimieren. Diese Aktion solle ab dem 27. März beginnen, sei aber bereits bei der Ankündigung positiv an den Märkten aufgenommen worden. Im Gegensatz zum direkten Aufkauf von Anleihen umgehe die FED mit diesem Instrument eine unmittelbare Beeinflussung der Marktpreise.

Kritiker würden dies jedoch als Sozialisierung fauler Kredite auf Kosten der Steuerzahler sehen. Auch in Bezug auf die beiden halbstaatlichen Immobilienfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae würden ähnliche Vorwürfe erhoben. Ihre Regularien seien so geändert worden, dass sie keine hohen Rückstellungen mehr für mögliche Verluste bilden müssten. Mit dem frei werdenden Kapital solle der Immobilienmarkt gestützt werden.

Schon immer seien viele Investoren davon ausgegangen, dass für Freddie Mac und Fannie Mae praktisch staatliche Garantien bestünden. Obwohl dies theoretisch nicht der Fall sei. Viele ausländische Investoren hätten im Vertrauen auf diese Garantien zum Teil einen erheblichen Teil ihrer Portfolios in die beiden Hypothekenbanken investiert. Ohnehin sorge die massive Abwertung des US-Dollars bei den ausländischen Kreditgebern für Unmut. Die US-Regierung dürfte daher durch den Druck der Märkte gezwungen werden, die impliziten Staatsgarantien offiziell zu machen.

Trotz der Übernahme von Risiken durch den Staat bleibe das gesamte Finanzsystem unter Druck. Die Banken würden die Kreditbedingungen in allen Bereichen verschärfen, nicht nur bei den Hypothekendarlehen, sondern auch bei den allgemeinen Krediten an Konsumenten und Unternehmen. Selbst Kreditnehmer erster Bonität müssten mehr für Kredite bezahlen. Das betreffe keineswegs nur die USA, sondern gelte in unterschiedlichem Ausmaß weltweit.

Auch die überwiegend kreditfinanzierten Hedge Fonds würden unter der Liquiditätsverknappung leiden. Dies zwinge die Fonds dazu, ihre Beteiligungen zu liquidieren, was wiederum den Abwärtstrend an den Aktienmärkten beschleunige. In den letzten Tagen habe der mögliche Kollaps des Hedge Fonds Carlyle Capital und der Kollaps von Bear Stearns die Börsen geschockt. An den Märkten greife die Befürchtung um sich, dass dies nur die Spitze des Eisbergs sein könnte. Das Sicherheitsbedürfnis der Anleger werde daher auf absehbare Zeit hoch bleiben. Die Flucht in Sicherheit könnte noch weiter anhalten und die Kurse der Staatsanleihen unter Aufwärtsdruck setzen. Allerdings sollten Anleger bei dem erreichten Niveau auch mit Rückschlägen bei Anleihen rechnen. (19.03.2008/ac/a/m)




 
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