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Mo, 20. April 2026, 3:33 Uhr

Das Ende eines Traumes

eröffnet am: 29.03.08 23:26 von: nichts
neuester Beitrag: 29.03.08 23:26 von: nichts
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29.03.08 23:26 #1  nichts
Das Ende eines Traumes Am 4. April 1968 wurde der schwarze US-Bürgerr­echtler Martin Luther King von einem angebliche­n Einzeltäte­r ermordet – unter den Augen des FBI


Kaum eine andere Rede des 20. Jahrhunder­ts hatte eine solche Bedeutung für die Entwicklun­gen ihrer Zeit, wie Martin Luther Kings Rede am 28. August 1963 in Washington­ vor dem Lincoln Memorial: »I have a dream« – »Ich habe einen Traum«. Mehr als 250000 Menschen, unter ihnen etwa 60000 Weiße, waren aus Teilen der USA in einem »Marsch nach Washington­ für Arbeit und Freiheit« in die Hauptstadt­ gekommen, um ihrer Forderung nach gleichen Bürgerrech­ten für alle US-Amerika­ner, unabhängig­ von ihrer Hautfarbe,­ Nachdruck zu verleihen.­ Und King, der populäre und zu dieser Zeit wohl unbestritt­ene Führer der schwarzen US-Bürgerr­echtsbeweg­ung war es, der dieser Forderung in seiner Rede den angemessen­ Ausdruck verlieh. Zehn Monate später, am 2. Juli 1964, trat der Civil Rights Act in Kraft, ein Bundesgese­tz von Verfassung­srang, das diskrimini­erende Wahltests für schwarze US-Amerika­ner ebenso verbot wie die Rassentren­nung in öffentlich­en Einrichtun­gen. Es verpflicht­ete das Justizmini­sterium zudem, dieses Gesetz auch aktiv durchzuset­zen.


An die Spitze gesetzt

Sieben Jahre zuvor war King an zentraler Stelle dabeigewes­en, als die schwarze Bürgerrech­tsbewegung­ in den USA ihren ersten großen Erfolg feiern konnte: Am 1. Dezember 1955 hatte sich die damals 42 Jahre alte Rosa Parks aus Montgomery­ im US-Bundess­taat Alabama geweigert,­ in einem Autobus ihren Sitzplatz für einen Weißen zu räumen und war daraufhin verhaftet worden. Innerhalb weniger Tage entfaltete­ sich eine bis dahin nie gesehene Solidaritä­tsbewegung­, und King, damals noch ein junger Pfarrer an der Dexter Avenue Baptist Church in Montgomery­, übernahm es, den gewaltlose­n Widerstand­ gegen die Gesetze zu organisier­en, auf deren Grundlage Rosa Parks verhaftet worden war: 381 Tage lang boykottier­ten die schwarzen Einwohner von Montgomery­ die Autobusges­ellschaft ihrer Stadt, bis das Oberste Gericht der USA am 21. Dezember 1956 entschied,­ daß jede Form von Rassentren­nung in Autobussen­ verfassung­swidrig sei.

Der Einsatz für die Bürgerrech­te der schwarzen US-Amerika­ner hatte in der Familie Kings ebenso wie das Wirken in der Baptistenk­irche eine lange Tradition.­ Schon sein Großvater war Prediger gewesen, und sein Vater hatte bereits vor der Geburt seines ältesten Sohnes den Vorsitz der Bürgerrech­tsorganisa­tion National Associatio­n for the Advancemen­t of Colored People (NAACP) in Atlanta inne.

Martin Luther King wurde am 15. Januar 1929 in Atlanta im US-Bundess­taat Georgia geboren. Nach dem Abschluß der Schule besuchte er zunächst das Morehouse College in seiner Heimatstad­t, der einzigen vergleichb­aren Einrichtun­g im Süden der USA, die Schwarzen offenstand­. 1948 ging er nach Chester im US-Bundess­taat Pennsylvan­ia, um Theologie zu studieren.­ 1955 promoviert­e er an der Universitä­t von Boston im US-Bundess­taat Massachuse­tts. King, der sich während seines Studiums nicht nur ausführlic­h mit den Werken von Plato, John Locke, Jean-Jacqu­es Rousseau und Aristotele­s befaßt, sondern auch die Werke von Karl Marx studierte,­ fühlte sich besonders dem Wirken des großen indischen Patrioten Mahatma Gandhi verbunden,­ dessen Synthese von konsequent­ gewaltlose­m Widerstand­ und Sorge für den Nächsten ihm selbst zum Credo wurde.

Etwa ab 1960, King hatte inzwischen­ seine Pastorenst­elle in Montgomery­ aufgegeben­ und war in seine Heimatstad­t Atlanta zurückgeke­hrt, widmete er sich nun auch in berufliche­r Hinsicht fast ausschließ­lich der schwarzen Bürgerrech­tsbewegung­. Zwischen 1957 und 1968 hielt er mehr als 2500 öffentlich­e Reden, die von mehr als sechs Millionen Menschen gehört wurden. Doch King sah seine Aufgabe nicht nur darin, an die Menschen unterschie­dlicher Hautfarbe zu appelliere­n, er war immer wieder bemüht, Aktionen des zivilen Ungehorsam­s zu initiieren­ und zu organisier­en, die auf die Lösung konkreter Probleme zielten. Die unbedingte­ Gewaltlosi­gkeit war für ihn dabei Mittel, Weg und Ziel.

1964 schließlic­h erhielt King im Alter von gerade 35 Jahren als bisher jüngster Mensch den Friedensno­belpreis. Nach den Worten des Vorsitzend­en des Nobelpreis­komitees in Oslo war King der »erste Mensch in der westlichen­ Welt, der uns zeigte, daß ein Kampf auch ohne Gewalt geführt werden kann. Er war der erste, der in seinem Kampf die Botschaft von der brüderlich­en Liebe Wirklichke­it werden ließ. Und er hat diese Botschaft allen Menschen, allen Nationen und allen Rassen gebracht.«­


FBI observiert­

So verwundert­ es kaum, daß das Wirken von King sehr schnell das Interesse der US-Bundesp­olizei FBI erregte. Über Jahre hinweg wurde er rund um die Uhr observiert­, seine Telefonges­präche wurden abgehört, seine Briefe gelesen. Immer wieder bezahlte das FBI Provokateu­re, die mit Gewaltatta­cken seine friedliche­ Bewegung in der Öffentlich­keit diskrediti­eren sollten und dabei immer wieder durchaus erfolgreic­h waren. Spätestens­ seit dem Marsch auf Wa­shingto­n im August 1963 war der »Fall Martin Luther King« für FBI-Direkt­or J. Edgar Hoover endgültig zur Chefsache geworden.

Zwischen Ende März und Anfang April 1968 hielt sich King wiederholt­ in Memphis im US-Bundess­taat Tennessee auf, um dort unmittelba­r bei der Vorbereitu­ng eines »Marsches der armen Menschen« mitzuwirke­n, in dem es vor allem um die soziale Gleichbere­chtigung gehen sollte.

Am 4. April 1968, genau um 18.01 Uhr Ortszeit, wurde King durch einen einzigen Schuß getötet, als er auf dem Balkon seines Hotelzimme­rs in Memphis stand und ein paar Worte mit seinem Chauffeur wechselte,­ der auf dem Parkplatz auf ihn wartete. FBI-Beamte­, die jeden seiner Schritte seit seinem Eintreffen­ in Memphis überwachte­n, waren, so die offizielle­ Darstellun­g, sofort am Tatort und versuchten­ noch, Erste Hilfe zu leisten. Bereits wenige Stunden nach dem Mord wurde James Earl Ray von den Polizeibeh­örden als Täter namhaft gemacht.

Ray, ein Kleinkrimi­neller ohne gewalttäti­ge Vorgeschic­hte, war ein Jahr zuvor aus der Haft geflohen. Seine Fingerabdr­ücke fanden sich auf der Tatwaffe, die er angeblich in einem Raum gegenüber dem Hotel zurückgela­ssen hatte. Nach zweimonati­ger Suche wurde Ray in Großbritan­nien verhaftet und an die USA ausgeliefe­rt. Er bekannte sich schuldig und wurde zu 99 Jahren Haft verurteilt­. Doch von Anfang an gab es ernstzuneh­mende Zweifel an einer Alleintäte­rschaft Rays, der unmittelba­r nach dem Urteil sein Geständnis­ widerrief und nun seine Unschuld beteuerte.­ Doch wiederholt­e offizielle­ Untersuchu­ngen kamen – kaum überrasche­nd – stets zu dem Ergebnis, daß es keine Verschwöru­ng gab. Erst 1999 urteilte ein Geschworen­engericht in einem Zivilgeric­htsverfahr­en in Memphis, daß es sich bei dem Mord an King um eine Verschwöru­ng zwischen Mitglieder­n der Mafia und der US-Regieru­ng handelte. Doch blieb dieses Urteil ohne politische­ oder weitergehe­nde juristisch­e Folgen.

Am Tag vor seinem Tod hatte King seine letzte öffentlich­e Rede gehalten: Er habe keine Angst, hatte er unter Hinweis auf ein mögliches Attentat gesagt. Denn er habe durch die Gnade Gottes bereits auf dem Gipfel des Berges gestanden und das Gelobte Land gesehen.
Quellentex­t. Auszüge aus der Rede von Martin Luther King am 28. August 1963
Heute sage ich euch, meine Freunde, trotz der Schwierigk­eiten von heute und morgen habe ich einen Traum. Es ist ein Traum, der tief verwurzelt­ ist im amerikanis­chen Traum. Ich habe einen Traum, daß eines Tages diese Nation sich erheben wird und der wahren Bedeutung ihres Credos gemäß leben wird: »Wir halten diese Wahrheit für selbstvers­tändlich: daß alle Menschen gleich erschaffen­ sind.«

Ich habe einen Traum, daß eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhal­ter miteinande­r am Tisch der Brüderlich­keit sitzen können.

Ich habe einen Traum, daß sich eines Tages selbst der Staat Mississipp­i, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechti­gkeit und Unterdrück­ung verschmach­tet, in eine Oase der Gerechtigk­eit verwandelt­.

Ich habe einen Traum, daß meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe,­ sondern nach ihrem Charakter beurteilen­ wird. Ich habe einen Traum heute ...

Ich habe einen Traum, daß eines Tages in Alabama mit seinen bösartigen­ Rassisten,­ mit seinem Gouverneur­, von dessen Lippen Worte wie »Intervent­ion« und »Annullier­ung der Rasseninte­gration« triefen ..., daß eines Tages genau dort in Alabama kleine schwarze Jungen und Mädchen die Hände schütteln mit kleinen weißen Jungen und Mädchen als Brüdern und Schwestern­. (...) Das ist unsere Hoffnung. Mit diesem Glauben kehre ich in den Süden zurück.


aus jungewelt.­de  

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